Das Leben mit Kindern

Fragen stellen, Erfahrungen austauschen, Menschen mit ähnlichem Schicksal treffen - das könnt ihr in diesem Thread.
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ellimic
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Re: Das Leben mit Kindern

Beitrag von ellimic » Fr 7. Dez 2018, 09:01

Ein Sportturnier. Nicht irgendeins, sondern Deutsche Meisterschaften. Die Jugendlichen, zwischen 14 und 16 Jahren alt, haben die ganze Saison schwer dafür gearbeitet, um hier dabei sein zu dürfen. Die Sporthalle hat etwas von einem Bienenschwarm. Mit dem Trainer schaue ich den Jugendlichen bei den Vorbereitungen zu. Eine Mitorganisatorin des Turniers erzählt uns von einem Teilnehmer, dessen Vater vor zwei Tagen beerdigt wurde.
„Ich würde mein Kind nicht hierher schicken, wenn ich gerade den Vater beerdigt hätte“, sagt der Trainer.
Mein Puls steigt, ich knirsche mit den Zähnen. Aber immerhin: ich beherrsche mich. „Warum nicht?“, frage ich sanftmütig. „Wir wissen doch nicht, was da passiert ist. Vielleicht hat der Vater dem Sohn gesagt, er solle auf jeden Fall hier teilnehmen. Vielleicht ist das das Letzte, was der Junge noch für seinen Vater tun kann.“ Der Trainer guckt nachdenklich.
Ich weiß nicht, wer dieser Junge war und ob er mit seinem Abschneiden zufrieden war. Aber ich hoffe, er hatte Spaß.

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Re: Das Leben mit Kindern/Buchtipp

Beitrag von ellimic » Fr 7. Sep 2018, 18:56

Farm, Maria: Wie lange dauert Traurigsein?
Oetinger, 2014

Mama oder Papa sind gestorben. Oder ein anderer geliebter Mensch. Wie soll es nun weitergehen? Und was ist das überhaupt für ein schreckliches Ding, der Tod? Und wie ungerecht bitte ist es, dass jemand jung sterben muss, während andere Menschen 90 und sogar noch älter werden? Wohin kann ich mich wenden, wenn ich nicht mehr kann?
Wird es auch mal wieder besser?

So viele Fragen, wie auf uns einstürmen, mindestens so viele beschäftigt auch unsere Kinder. Die Psychologin Maria Ferm hat sich des Themas Trauer angenommen und bereitet es auf angenehm ernsthafte und einfühlsame Weise auf. Für Kinder und Jugendliche kann dieses Buch eine große Hilfe sein in einer Zeit, in der das ganze Leben auf den Kopf gestellt scheint und in Frage gestellt wird.

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Re: Das Leben mit Kindern

Beitrag von ellimic » Di 19. Jun 2018, 19:10

Neulich traf ich eine „alte“ Schulfreundin. Sie erzählte mir von ihrer bitteren Trennung und den Problemen, die sie und ihre Jungs dadurch haben.
„Sie sitzen den ganzen Tag am PC und daddeln, statt sich mit Freunden zu treffen.“
Das kennen alle Eltern pubertierender Kinder. Wenn es nicht das „Daddeln“ ist, dann sind es die Videos, oder die „storys“ oder die „Flammen“, die man irgendwo sammelt, wenn man nur häufig genug Nachrichten austauscht oder was weiß ich. Jedenfalls sagte ich zu der Schulfreundin: „Glaub aber jetzt nicht, dass die Trennung Schuld daran ist, dass deine Söhne nur zuhause rumhängen. Das ist völlig normal.“
Das sagte ich aus meiner Erfahrung und Beobachtung heraus, sich gerne (jedenfalls als Mutter) jeden Schuh anzuziehen. Wie gut tut es dann, mit anderen Müttern zu reden! Gerne mit Müttern, die mit dem Vater ihrer Kinder zusammenleben. Von ihnen zu hören, dass sie genau die gleichen Probleme haben (und manchmal sogar größere), bedeutet Entlastung. Es liegt nicht zwangsläufig am Tod des Vaters (oder der Mutter), wenn die Kinder sich anders verhalten, als wir es uns wünschen. Es liegt manchmal auch „nur“ daran, dass alle Kinder gerne das machen möchten, was gerade „angesagt“ ist. Für uns mag dieses „Angesagte“ so interessant sein wie eine Stromrechnung. Meine Schulfreundin merkte noch an, was für eine Herausforderung es ist, zu lernen, dass für die Kinder heute ganz andere Dinge wichtig sind als für uns früher. Das stimmt.
Immerhin, denke ich, halten uns Herausforderungen jung.

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Re: Das Leben mit Kindern

Beitrag von ellimic » Fr 30. Mär 2018, 19:25

Früher habe ich geschimpft, wenn mein Sohn mir berichtete, dass er in der Schule Ärger wegen nicht gemachter Hausaufgaben oder vergessener Schulbücher bekommen hat.Wer kann da schon ruhig bleiben? Ich habe ihm, mehr oder weniger erfolglos, verschiedene Ordnungssysteme angeboten und Lernstrategien aufgezeigt. Irgendwann habe ich aber eingesehen, dass es nicht besser wird, wenn auch ich ihn noch unter Druck setze. Und so nehme ich es jetzt einfach nur noch zu Kenntnis (oder versuche es zumindest), wenn er wieder einmal einen „Strich“ bekommen hat, der bei entsprechender Anzahl Nachsitzen zur Folge hat. Hin und wieder kann ich es mir aber nicht verkneifen, darauf hinzuweisen, dass es SEIN Schulabschluss sein wird, nicht meiner. Soll heißen: die Verantwortung liegt bei ihm.
Neulich war es wieder einmal so weit. Irgendetwas hatte er vergessen. Er kam nach Hause und erzählte mir, seine Lehrerin habe ihn gefragt ob seine Mutter das nicht schlimm findet, wenn er immer etwas vergisst. Er sagte: „Nein.“

Das stimmt absolut.
„Schlimm“ - du meine Güte. Dass der Vater meines Sohnes tot ist – das ist schlimm. Nicht gemachte Hausaufgaben und vergessene Schulbücher gehören, wie Knöllchen, angebranntes Essen und der verpasste Termin für die Steuererklärung in die Kategorie „ärgerlich“. Diese Dinge lassen sich wiedergutmachen. Vielleicht birgt diese Einstellung die Gefahr, dass mein Sohn alles ein wenig zu sehr auf die leichte Schulter nimmt. Deshalb erkläre ich ihm, dass eine „vergessene“ Hausaufgabe zwar nicht „schlimm“ ist, ein möglichst guter Schulabschluss aber wichtig. Weil er ihm die Freiheit geben wird, unter verschiedenen Möglichkeiten zu wählen.
Ich habe den Eindruck, mein Sohn beginnt verstehen. Ich vertraue da auf die Berichte von Müttern mit älteren Söhnen. Sie erzählen mir, wie schwierig der Schulalltag zu Beginn und während der Pubertät war. Und plötzlich sind ihre Kinder groß, haben den Schulabschluss in der Tasche und erobern die Welt.

Einige Jahre Schulzeit liegen noch vor meinem Sohn und damit vielleicht auch noch das ein oder andere Nachsitzen. Wie neulich. Das jedoch hatte eine Pointe: während dieser Zeit musste er für Englisch irgendwelche grammatikalischen Formen abschreiben. Eine Woche später schrieben sie einen Test genau darüber. Mein Sohn hat eine Eins.

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Re: Das Leben mit Kindern

Beitrag von ellimic » So 4. Feb 2018, 08:42

Sonntag. Keine Termine. Einfach gemütlich mit den Kindern zu Hause bleiben.
So denke ich mir das und habe dabei schon wieder vergessen, dass meine Kinder groß werden. Kind eins verabschiedet sich in den Reitstall, Kind zwei zu einem Treffen mit Freunden. Plötzlich ist es ganz still im Haus. Ach, denke ich verwirrt, so fühlt es sich also an, wenn man am Sonntag ganz alleine ist. Und was mache ich jetzt??
Ich hätte jetzt Zeit für das Bad mit dem Zusatz gegen Muskelverspannung. Oder ich könnte das Buch anfangen, das ich schon so lange lesen wollte. Oder diese Meditations-CD hören, dich ich neulich im Schrank gefunden habe.
Aber: eine fiese kleine Stimme flüstert mir die ganze Zeit zu: „Bald schon wid es immer so sein!“ Damit ist meine gemütliche Sonntags-Stimmung endgültig dahin. Ist dies der Moment, um mich bei einer Single-Börse anzumelden?
Da klingelt es. Kind eins ist wieder da, mit Besuch im Schlepptau, der etwas mit mir besprechen muss. Das dauert lange. Später mache ich mit Kind eins Pizza. Plötzlich stehen Kind zwei nebst Freund auch in der Küche. Wir lachen zusammen. Alles ist gut. Für den Moment.

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Plötzlich alleinerziehend

Beitrag von ellimic » Mo 2. Okt 2017, 11:00

Alleinerziehend:
Schon das Wort klingt nach Sozialhilfe und Bildungsferne und „Du armes Kind!“ Wozu es natürlich gemacht wurde. Wenn „alleinerziehend“ immer nur im Zusammenhang mit Worten wie „Armutsrisiko“, „problematische Kindheit“ und „Schulversager“ auftritt, braucht es viel Courage, um selbstbewusst als Alleinerziehende aufzutreten.
Unsere Kinder sind weder bildungsfern noch arm und ich finde: auch nicht bedauernswert. Jedenfalls nicht als Dauerzustand. Natürlich ist es schlimm, dass sie einen Elternteil verloren haben, aber deshalb muss niemand sie jahrelang mit Samthandschuhen anpacken. Die Kinder sind ganz normal, sie gehen in den Kindergarten und zur Schule, haben Freundschaften, streiten, versöhnen sich, sind glücklich, wenn sie spielen können und sauer, wenn wir sie ihrer Meinung nach zu früh ins Bett schicken. Sind wütend, wenn ein Spielzeug kaputt geht und freuen sich, wenn sie Geburtstag haben. Hassen Zähneputzen und lieben kuscheln mit Mama oder Papa. Genau wie jedes andere Kind auch.
Früher, als der Zustand für mich neu war, wollte ich möglichst nirgendwo sagen, dass ich alleinerziehend bin. Vielleicht, weil man dann gleich einen Stempel aufgedrückt bekommt. Aber auch, weil alle dann sofort denken, man sei geschieden. Ich war nicht geschieden, ich hatte mich nicht „auseinandergelebt“, mein Mann war kein „Wieso habe ich den bloß geheiratet“-Mann, sondern wir wurden gnadenlos und ohne es zu wollen voneinander getrennt. Mit den Jahren stellt sich aber nun heraus, dass die Kinder und ich ein gutes Team sind und dass das Alleinerziehen gut funktioniert. Wir unterlaufen sämtliche Klischees (siehe oben). Vielleicht deshalb fällt es mir jetzt leichter, zu diesem Zustand zu stehen. Inzwischen ist es mir auch egal, dass die Leute dann denken, ich sei geschieden. Ein Privileg des Älterwerdens: es wird so herrlich schnuppe, was andere (jedenfalls andere Fremde) über mich denken!
Jedenfalls sage ich deutlich lieber, dass ich alleinerziehend bin, als dass ich verwitwet bin.
Manchmal entsteht ja auch etwas Gutes, wenn man offen ist. Kürzlich habe ich das am Elternabend in der Klasse meines Sohnes erlebt. Der Sport meiner Tochter erfordert es manchmal, dass wir für ein Turnier quer durch Deutschland reisen müssen. Wenn sie samstags um acht Uhr in einer Sporthalle hunderte Kilometer von uns entfernt sein muss und ich sie dorthin bringen muss, weil niemand anderes aus dem Sportverein fährt, müssen wir freitags eventuell am Vormittag schon dorthin fahren. Eine Schulbefreiung für meine Tochter zu bekommen war bisher kein Problem. Aber was ist eigentlich mit meinem Sohn, der uns begleiten muss, weil ich alleinerziehend bin? Kann ich den auch problemlos befreien lassen? Da meldete sich eine andere Mutter und sagte: „Ich habe das selbe Problem. Ich bin auch alleinerziehend und muss manchmal am Wochenende zu Fortbildungen. Da können wir uns gegenseitig unterstützen.“
Es meldete sich übrigens auch noch eine andere Mutter zu Wort, die sofort anbot, dass mein Sohn an solchen Tagen dann auch bei ihnen übernachten kann. Diese Mutter ist nicht alleinerziehend, aber mein Sohn ist mit ihrem befreundet. Auf die Idee, sie um Hilfe zu bitten, war ich gar nicht gekommen!
Und noch einen Tipp einer Alleinerziehenden habe ich bekommen: offenbar muss die Schule einer Schulbefreiung zustimmen, wenn man angibt, dass das Kind nicht betreut werden kann. Das habe ich nicht überprüft, aber wenn ich es doch einmal machen muss, werde ich per Internet im Schulgesetz von -in unserem Fall NRW- nachschauen.
Generell habe ich aber festgestellt, dass die Schulen kulant sind, wenn man sein Anliegen freundlich formuliert, es nicht mit Bitten um Schulbefreiung übertreibt und es in der Schule keine größeren Probleme gibt.

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Das Leben mit Kindern

Beitrag von ellimic » Do 21. Sep 2017, 07:59

Plötzlich sind wir alleine zuständig für die Erziehung unserer Kinder. Fragen und Sorgen belasten uns. Wie soll es für sie weitergehen ohne den fehlenden Elternteil? Wie bekomme ich das hin? Bekomme ich das überhaupt hin, alleine für mein/e Kind/er zu sorgen? Können sie eine glückliche Kindheit haben, nachdem Mama oder Papa gestorben ist?
„Schafft es die Mutter, schaffen es auch die Kinder.“ Ein Satz, an den ich mich geklammert habe. Ich wollte es schaffen, den Kindern zuliebe. „Es“: herauskommen aus der Trauer, mich nicht von Zukunftsängsten erdrücken lassen, Freude empfinden – mit den Kindern und für die Kinder. Sie haben ein Recht auf Freude. Die Trauer um Papa oder Mama ist eine Sache – die Lebenslust eine andere. Für die Kinder existiert beides nebeneinander, wenn wir Eltern das zulassen. Das ist das, was man noch für den geliebten verstorbenen Menschen tun kann: die Kinder so erziehen, dass sie für ihr Leben als Erwachsene gut gerüstet sind. Und das sind sie dann, wenn sie die Erfahrung machen, dass auch schlimme Dinge im Leben bewältigt werden können, ohne den Lebensmut und die Freude am Da-Sein zu verlieren.
Mindestens eine Person ist noch da, die die Kinder liebevoll begleiten kann. Möglicherweise gibt es noch mehr: Omas, Opas, Tanten, Onkel, Freunde....

An dieser Stelle wird es immer wieder etwas zu lesen geben über das Leben mit Kindern. Erfahrungen, Tipps, Anregungen. Das soll allen Mut machen, die nach dem Tod von Vater/Mutter vor einem Scherbenhaufen stehen und sich fragen, wie es weitergehen soll. Wer dazu etwas beitragen möchte oder Fragen hat, ist herzlich eingeladen, sich mit einem Forumsbeitrag zu beteiligen.

Ellen

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