Sonntag

Fragen stellen, Erfahrungen austauschen, Menschen mit ähnlichem Schicksal treffen - das könnt ihr in diesem Thread.
ellimic
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Re: Sonntag

Beitrag von ellimic » So 12. Jul 2020, 09:55

Die "Sonntagsgedanken" sind ab jetzt hier zu finden: index.php

Habt einen schönen Sonntag!#
Ellen

ellimic
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Re: Sonntag

Beitrag von ellimic » So 5. Jul 2020, 09:12

Ich mochte das Spiel „Monopoly“ nie. Als Kind spielte ich es mit meiner Familie. Ein besonders gemeines Feld war „Zurück auf los“: Man fing wieder von vorne an, kämpfte sich mühsam dahin zurück, wo man schonmal war.
Jahre später wurde „Zurück auf Los“ bitterer Lebensernst. Beim Monopoly wäre es möglich gewesen, unter viel Gezeter einfach aufzustehen und zu gehen. Jetzt musste ich das „Zurück auf Los“ annehmen. Schimpfen, fluchen, weinen konnte ich darüber, aber einfach aufstehen und gehen kam nicht in Frage.
Beim „Monopoly“ führt von „Los“ derselbe Weg Richtung „Ziel“, den man vorher auch gegangen ist. Rückblickend ist das vielleicht der wahre Grund, warum ich das Spiel nicht mochte: es langweilte mich! Zum Glück gibt es im Leben mehr als einen Weg, wieder dahin zu kommen, wo man schonmal war: zu einem schönen Leben. Auch wenn es länger dauert als eine Runde Monopoly.

Habt einen guten Sonntag - vielleicht mit einem schönen Spiel?

Ellen

ellimic
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Re: Sonntag

Beitrag von ellimic » So 28. Jun 2020, 09:39

„Heute bin ich wieder glücklich mit meinem Leben“, sage ich.
„Ach so: dann bist du wieder liiert!“
Uff. Das hat gesessen. Glück gibt´s nur, wenn man liiert ist.
Diese Sichtweise finde ich, sagen wir mal: schade. Sie sagt, dass ein glückliches Leben davon abhängt, ob ich einen Partner habe. Aber was ist dann das Leben ohne Partner? Verlorene Zeit?
Oder ist die verlorene Zeit, diejenige, während der man wartet und hofft, ohne das naheliegende Glück wahrzunehmen? Kinderlachen, die Blumen im Sommer, die Fahrradtour, den Tee auf der Couch, wenn es draußen regnet, das anregende Gespräch, neue Erkenntnisse und Erfahrungen, andere Wege…Es ist sicher und im wahrsten Sinne des Wortes wunderschön, wenn man ein zweites Mal im Leben einem Menschen begegnet, mit dem man zusammen sein möchte. Aber bis dahin möge uns nichts daran hindern, dafür zu kämpfen, auch alleine (wieder) zu einem Leben mit vielen glücklichen Momenten zurückzufinden.

Ich wünsche euch einen guten Sonntag!
Ellen

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Re: Sonntag

Beitrag von ellimic » So 21. Jun 2020, 07:39

In einer Whatsapp-Gruppe lese ich folgenden Spruch:
„Mit den Flügeln der Zeit fliegt die Traurigkeit davon.“
Mein erster Gedanke: So ein Quatsch!
Denn eines wusste ich sehr genau, als mein liebster erwachsener Mensch starb: Das wird immer traurig sein.
Ich bin traurig darüber, dass er nicht bei uns sein kann, traurig über meinen geplatzten Lebenstraum und am traurigsten darüber, dass die Kinder ohne ihren Vater aufwachsen.
Aber: ich bin auch fröhlich, lebensbejahend, glücklich über vieles in meinem Leben. Ich muss die Traurigkeit nicht loswerden, denn sie hilft mir dabei, dem Leben mehr Tiefe zu geben, Menschen besser zu verstehen und weich zu bleiben, da, wo es angebracht ist.
Ich wünsche euch nicht, das Positive in der Traurigkeit zu sehen, denn das wäre ein ähnlich blöder Kalenderspruch wie der eingangs zitierte Satz. Aber versucht, sie nicht als Feind zu betrachten.

Habt einen guten Sonntag!
Ellen

ellimic
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Re: Sonntag

Beitrag von ellimic » So 14. Jun 2020, 08:38

Zu meinen Vorsätzen für das Jahr 2020 gehörte das Backen. Jeden Monat sollte es einen Kuchen geben, nur für die Kinder und mich – statt für Geburtstage im Freundeskreis oder diverse Cafeterien. Die Kinder bekamen nur die Reste ab, oder die verunglückten Stücke.
Drei Monate lang teilte der Vorsatz das Schicksal der meisten guten Vorsätze dieser Welt: er wurde nicht umgesetzt. Doch dann kam Corona. Es gab keine Freundesgeburtstage und keine Cafeterien mehr, sondern viel Zeit und Unsicherheit und das Bedürfnis nach Geborgenheit. Zeit für Kuchen! Nicht für Trockenkuchen oder einfache Obstkuchen. Es mussten zunächst cremige Kuchen sein, die, bei denen der Mund ganz ausgefüllt ist mit süßer, cremiger Masse, zusammen mit lockerem Teig.
So oft duftete es in unserer Küche nach Kindheitsglück und Zuhausesein, dass ich schon hoffte, dieser Geruch würde nun für immer bleiben. Das ist leider nicht der Fall – einmal kräftig gelüftet, schon war er draußen, dieser wunderbare Duft.
In dieser Zeit backte ich zum ersten Mal die Bismarckeiche, die meine Mutter manchmal machte. Das ist ein Biskuitrolle, gefüllt mit Schokoladenbuttercreme. Eine Kindheitserinnerung. Genau wie der Apfelkuchen kurze Zeit später. Dann folgten die Blaubeermuffins, die mein Mann so gerne mochte und die ich anlässlich seines Geburtstages gebacken habe.
So waren sie bei uns, die liebsten Menschen. Man könnte sagen, sie haben uns durch die erste, unheimliche Corona-Zeit geholfen.
Ich wünsche euch einen schönen Sonntag, an dem ihr liebevoll begleitet werdet.

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Re: Sonntag

Beitrag von ellimic » So 7. Jun 2020, 08:16

Es ist ja immer etwas schwierig, alle unter einen Hut zu bekommen, aber endlich hatten wir es geschafft: zu viert wollten wir zum Grab einer gemeinsamen Freundin gehen. Ausgerechnet an diesem Tag schüttet es wie aus Kübeln, ich nehme Regenjacke und -schirm mit.
Aber dann stehen wir am Grab - und die Sonne scheint. Wir unterhalten uns über unsere schönsten Erinnerungen an K., über Grabgestaltung und die verschiedenen Bestattungsmöglichkeiten. Der Wind pustet uns durch – aber die Sonne tut was sie kann. So lange, bis wir im Café sitzen, dann geht das Gewitter los.
Zufall? Schon möglich, aber ich mag es, an die kleinen Wunder zu glauben.
Haltet die Augen offen – vielleicht erlebt ihr Wunderbares.

Ellen

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Re: Sonntag

Beitrag von ellimic » So 31. Mai 2020, 08:41

„Warum feiern wir nochmal Pfingsten?“, frage ich meine Kinder und sehe amüsiert zu, wie sie in ihren jugendlichen Gedächtnissen nach den Resten ihrer religiösen Bildung kramen.
„Äh…ist das nicht das mit den Feuerzungen“, sagt Teenie A.
„Genau, die in einen Dornbusch gefallen sind“, sagt Teenie B.
„Dornbusch?“, frage ich verwirrt.
„Nee, nee, das war was mit Mose“, sagt Kind A wieder, das zwar in Mathe nicht so gerne, in Religion aber immer recht gut aufgepasst hat. Dank des allseits beliebten Lehrers.
„Genau“, sage ich. „Die Feuerzungen waren mehr für die Jünger von Jesus bestimmt. Der Heilige Geist kam über sie“

Von der biblischen Geschichte kann man halten, was man will, aber die Vorstellung, dass wir alle miteinander reden können, ohne Vorbehalte, ohne Misstrauen, aber mit viel Sympathie und Verständnis füreinander, ist doch toll, oder? Mit Engelszungen reden, sozusagen.
Wie oft erleben wir in unserer Trauer, dass vielen Menschen die richtigen Worte für uns fehlen. Sie sagen Dinge, die uns kränken – und dabei brauchen wir so dringend solche Worte, die uns ermutigen, uns aufbauen, uns trösten können. Da wünscht man sich dann doch schonmal, dass irgendein Geist den Menschen die richtigen Worte eingibt!
Oder man verzeiht. Wie hätten wir umgekehrt unsere Worte gewählt? Hätten wir gewusst, was wir sagen können? Vielleicht – vielleicht aber auch nicht.
Ich wünsche euch Menschen, die die passenden Worte für euch finden und die Gelassenheit, die hinzunehmen, die in euren Ohren unpassend klingen. Sie entspringen meistens der Hilflosigkeit und sind so gut wie nie böse gemeint.

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Re: Sonntag

Beitrag von ellimic » So 10. Mai 2020, 19:57

Muttertag. Das ist so ein Tag, den ich nicht besonders mag. Kein Kind kommt von alleine auf die Idee, für die Mama speziell für diesen Tag etwas zu basteln, zu malen, ein Frühstück zu machen. Irgendein Erwachsener, also meistens der Vater, muss schon dazu animieren. In der Grundschule erledigen das die Lehrerinnen. Schrecklich für verwitwete Väter (und wenige Wochen später schrecklich für verwitwete Mütter, wenn die Kinder etwas für den Vater basteln sollen).
Bei uns ist der Muttertag ein ganz normaler Sonntag, nicht besser, aber auch nicht schlechter. „Wir müssen uns eben selber feiern“, sagt eine Freundin, deren gerade erwachsener Sohn sich am Muttertag nicht eben von seiner besten Seite zeigt. Recht hat sie. Also: lächeln wir uns im Spiegel an und sagen wir uns: „Du machst das alles super, dein(e) Kinder gedeihen prächtig!“

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Re: Sonntag

Beitrag von ellimic » So 13. Okt 2019, 12:30

Das schöne an Herbst und Winter ist das schlechte Wetter. Ich kann mich einigeln. Niemand sagt: „Was, bei dem schönen Wetter bist du drinnen?“ Frühjahr und Sommer haben den Nachteil, dass man sich ständig gezwungen fühlt, aus dem Haus zu gehen. Gute Laune soll man haben und Spaß beim grillen, schwimmen, wandern. Auf Open-Air-Konzerten und -Festivals. Und es macht uns natürlich rein gar nichts aus, dass wir gefühlt nur Paare um uns herum sehen.
Da lobe ich mir den Herbst und Winter. Ich darf im Haus bleiben, Kerzen anzünden, Tee trinken, Kekse essen. Ich darf auf dem Sofa sitzen und gar nichts machen. Ich darf melancholisch sein. Un manchmal, wenn der Tag zu viel Last hatte, darf ich ihn beenden und ins Bett gehen. Denn um acht Uhr ist es dunkel. Hurra. Ein Lob der dunklen Jahreszeit!
Habt einen guten Sonntag
Ellen

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Re: Sonntag

Beitrag von ellimic » So 8. Sep 2019, 12:57

Es ist modern, alles und jedes mit Sprüchen zu versehen. „Statements“, nennt sich das dann. Ich frage mich bei manchen Sprüchen eher, ob es nicht „Beschwörung“ heißen müsste. So geht es mir zum Beispiel mit dem schlichten Spruch „Das Leben ist schön“. Puh. An den Karten, Kissen, Bildern, Tassen usw, die mir das erzählen, gehe ich vorbei mit dem Gedanken: „Wem kann man denn diesen Quatsch erzählen?“ Ich brauche kein Sofakissen (nur so als Beispiel), das mir jedes Mal von der Schönheit des Lebens erzählt, wenn ich mich einfach nur, müde von der Tageslast, hinsetzen und ausruhen will. Vielleicht habe ich gerade mit meinem Kind gestritten, meine Arbeit hat mich unglaublich genervt, das Essen ist angebrannt – und überhaupt, wie kann es schön sein, wenn man alles alleine stemmen muss.
Neulich, beim Einkaufen, kam ich wieder an so einer Karte vorbei. „Das Leben ist schön*“ . Auch noch mit rosa Hintergrund. Ach du Schreck. Aber was sollte das Sternchen? Ich betrachtete die Karte genauer. Das Sternchen verwies auf diese Fußnote : „Obwohl praktisch alles dagegen spricht“. Ich grinste und kaufte die Karte, denn hier konnte ich doch wenigstens mal ansatzweise zustimmen. Rosa verpackter Galgenhumor.
Sie sagt genau das aus, was wir hoffen müssen, wofür wir kämpfen müssen, wenn unsere liebsten Menschen gestorben sind: dass das Leben wieder schön sein wird, OBWOHL es uns so schlecht ergangen ist.
Und so versuche ich, den Blickwinkel zu ändern: das Leben hat mich nicht nur gebeutelt, sondern auch beschenkt. Unser Kind, mit dem ich mich wieder versöhnen werde, die Arbeit, die mich manchmal nervt – aber ich habe sie. Das angebrannte Essen ist nicht völlig verdorben und wenn ich etwas alleine hinbekomme, was ich früher nie dachte zu können, macht mich das stolz. „Na, wie habe ich das gemacht?“, frage ich dann einfach so in den leeren Raum hinein denjenigen, der das größte Geschenk war.
„Ich wusste, dass du gut bist“, höre ich. Von irgendwo.
Habt einen Sonntag, an dem euch etwas Schönes begegnet.

Ellen

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