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ellimic
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Weiter leben

Beitrag von ellimic » Di 20. Feb 2018, 17:20

Christiane zu Salm:
Weiter leben
Nach dem Verlust eines geliebten Menschen; Goldmann 2016


Dieses Buch habe ich in der Stadtbücherei gefunden. Dort konnte ich das Hardcover ausleihen, mittlerweile ist es aber auch als Taschenbuch erhältlich und kostet 10 Euro.

Wie schafft man es, mit dem Verlust eines geliebten Menschen zu leben? Die Autorin hat dazu Erfahrungsberichte von Menschen gesammelt, die alle jemanden verloren haben: einen Partner, eine Mutter, ein Kind. Die Verluste sind einige bis viele Jahre her und die Betroffenen erzählen, wie es ihnen seither ergangen ist, welche Erfahrungen sie gemacht, was sie über sich und ihr Leben gelernt haben. Ganz unterschiedliche Ansichten und Einsichten zeigen: jeder Mensch verarbeitet seine Trauer anders und zieht unterschiedliche Schlüsse aus der Erfahrung mit dem Tod. Wer sich dafür interessiert, wie Andere die Trauer bewältigen, ihr verändertes Leben angehen und neuen Mut schöpfen, für den kann das Buch ein Gewinn sein. Allerdings: wer die Leidensgeschichten anderer Menschen momentan nur schlecht aushalten kann, für den ist das Buch zu diesem Zeitpunkt nicht unbedingt geeignet.

ellimic
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Nie wieder wir

Beitrag von ellimic » Do 5. Okt 2017, 10:28

Stephanie Witt-Loers: Nie wieder wir. Weiterleben von Frauen nach dem Tod ihres Partners. Vandenhoeck & Ruprecht, 2017
als Taschenbuch: 18,00 €

Ich sehe mich noch auf dem Sofa liegen, mitten im Umzugschaos in der neuen Wohnung. Die Kinder waren bei meiner Verwandtschaft untergebracht, damit ich in Ruhe aufräumen konnte. Stattdessen las ich ein Buch, in dem Frauen berichteten, wie es ihnen nach dem Tod des Partners ergangen war. Ich sog damals alles auf, was mir die Hoffnung gab, dass „es“ zu schaffen war: mit der Trauer zu leben, ohne jeden Tag in einem unendlich großen Loch zu versinken.
Die Lektüre solcher Bücher half mir im akkuten Trauerprozess sehr und so freue ich mich, dass es nun ein neues Buch zu diesem Thema gibt.Es richtet sich an Frauen, die ihren liebsten Menschen verloren haben. Ob sie nun verheiratet waren oder nicht, ob mit oder ohne Kinder. Ein besonderes Augenmerk richtet die Autorin auf jüngere Frauen. Ein Kapitel ist dem Thema „Alleinerziehend“ gewidmet, ein anderes neuen Kontakten und Partnerschaften. Aber auch jedes andere, in der Trauer relevante Thema wird angesprochen, z. B. quälende Fragen, Urlaub, Gedenktage, finanzielle Nöte, Berufsleben. Zu jedem Punkt gibt es viele Anregungen, oftmals versehen mit Buchtipps und Internetlinks. Die aktive und selbstbestimmte Gestaltung der Trauer ist das große Anliegen der Autorin, selber eine langjährige Trauerbegleiterin. Zwischen die vielen Informationen eingestreut gibt es einige Erfahrungsberichte betroffener Frauen.
Man kann dieses Buch von vorne nach hinten lesen, man kann sich aber auch anhand des Inhaltsverzeichnisses das heraussuchen, was gerade dringend ist. Besonders gut: die Autorin fasst das Wichtigste im Text immer wieder unter dem Stichwort „Hinweis“ zusammen. Das ermöglicht es, das Buch auch dann zu Rate zu ziehen, wenn man eigentlich nicht viel Zeit zum Lesen hat.
Der Ton ist warm, zugewandt und immer ermutigend. Nach der Lektüre des Buches ist die Situation immer noch schrecklich. Aber man fühlt sich nicht mehr ganz so hilflos und allein gelassen.

ellimic
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Hinter dem Blau

Beitrag von ellimic » So 15. Mai 2016, 13:14

Alexa von Heyden: Hinter dem Blau.
Ein kleines Mädchen verliert seinen Vater.
Eine junge Frau findet zu sich.
Eden Books, 2013

Als ihr manisch-depressiver Vater sich umbringt, ist Sunny fünf Jahre alt. Zwanzig Jahre später ist die Zeit gekommen, sich ihren Gefühlen zu stellen. Es muss noch etwas anderes da sein als Zorn. Sunny begibt sich auf Spurensuche, durchforstet Papiere, sucht Orte auf, an denen auch ihr Vater war. Am Ende wird sie nicht nur ihren Vater etwas besser kennen gelernt haben, sondern auch sich selber, ihre eigene Einstellung zum Tod, aber vor allem zum Leben: „Als mein Vater schrieb `Ich liebe dich, aber ich kann nicht anders´, waren diese Zeilen nicht nur an meine Mutter, sondern auch an mich gerichtet. Es war eine Aufforderung zu leben. Ich, Helena `Sunny´Schulz, kann anders.“

Alexa von Heyden möchte mit ihrem autobiografischen Roman jenen eine Stimme geben, die einen Nahestehenden durch Selbstmord verloren haben. Nicht nur müssen sie mit ihrer Trauer fertig werden, sondern auch noch mit dem -unberechtigten- Gefühl, nicht genügt zu haben und mit Scham. Tod durch Selbstmord ist ein noch größeres Tabu als es der Tod allgemein schon ist und dieses Buch zeigt, dass Angehörige damit nicht alleine sind, denn: alle 40 Sekunden nimmt sich ein Mensch das Leben.

Als Mutter von zwei Kindern, die ihren Vater auch schon sehr früh verloren haben, wollte ich wissen, welche Spuren ein Vater im Leben seines Kindes hinterlässt, wenn dieses Kind ihn schon in sehr jungen Jahren verloren hat. Was ist nach zwanzig Jahren übrig? Lässt sich eine Nähe herstellen, die für das erwachsene Kind hilfreich ist? Trägt das Wissen, dass die Kinder geliebt wurden, im Erwachsenenleben, auch wenn sie die Liebe nie wirklich erfahren durften?
Das Buch gibt darauf vielleicht keine befriedigende Antwort, aber für mich war es schön zu lesen, dass sich auch nach vielen Jahren eine Art für das eigene Leben ermutigende Beziehung aufbauen lässt.

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Re: Bücher

Beitrag von ellimic » Di 1. Mär 2016, 11:41

Paul ist tot. Witwengeschichten.

Regine Schneider, Osburg Verlag, 2014

Ein Buchumschlag in schreiendem dunklen Pink. Der Titel springt ins Auge: „Paul ist tot.“ Darunter ist eine modische Sonnenbrille abgebildet. Meine spontane Reaktion: es handelt sich bestimmt um einen dieser Krimis in der Manier von „Spätzlespressen-Walzer“ oder wie sie alle heißen und die so furchtbar witzig daherkommen. Dann lese ich den Untertitel: „Witwengeschichten“. Na gut, denke ich, Kurzgeschichten über eine bestimmte Sorte von Frauen, die man gerne die „lustigen Witwen“ nennt. Geschichten also, die absolut gar nichts mit Trauer zu tun haben.
Trotzdem sehe ich mir das Buch an und sehe: völlig falsche Einschätzung. Tatsächlich hat hier eine Frau Geschichten von Frauen versammelt, die, zumeist in jüngeren Jahren, ihre Lebenspartner verloren haben. Die Frauen erzählen, wie sie damit fertig geworden sind und wie ihr Umfeld reagiert hat. Auch Tabu-Themen werden aufgegriffen (obwohl man meinen sollte, ein größeres Tabu als den Tod gibt es nicht), so zum Beispiel mit den Kapiteln „Nicht alle Witwen trauern“ oder „Tabuthema Sex mit einem Todkranken“.
Nach jedem Erfahrungsbericht folgt ein kurzer Sachtext zum Schwerpunktthema des Berichts.
Das Buch möchte auch Menschen ansprechen, die nicht verwitwet sind. Deshalb vielleicht dieser auffällige Buchumschlag und der plakative Titel: das Buch aussehen lassen wie einen leichten Roman für den Urlaub am Strand.
Ob dieser Trick wohl funktioniert?

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Re: Bücher

Beitrag von ellimic » Sa 30. Jan 2016, 08:15

Mein trauriges Buch

Michael Rosen/Quentin Blake
Verlag Freies Geistesleben, 2006

„Und Kerzen. Kerzen muss es geben.“
Diese beiden winzigen Sätze gehen mir seit Jahren nicht mehr aus dem Kopf, sie begleiten mich fast wie ein Mantra.
Mit diesen Sätzen endet das Bilderbuch, in dem Michael Rosen mit einfachen, aber eindringlichen Sätzen von seinem Kummer, aber auch seiner Wut erzählt, nachdem sein Sohn gestorben war. Er beschreibt, wie es ist, unendlich traurig zu sein. Und er erzählt von seinen Versuchen, trotzdem ein gutes Leben zu führen. Unterstützt wird er dabei durch die Zeichnungen von Quentin Blake. Diese haben etwas Karikaturhaftes, woran ich mich erst gewöhnen musste. Traurigkeit in dieser Art zu illustrieren hätte sich sicher nicht jeder getraut! Nie wirkt das Buch kitschig oder realitätsfern. Ich habe oft geweint beim lesen und Bilder anschauen. „Ja, genau so ist es“, habe ich gedacht.Trotzdem wurde ich getröstet, wie mein „Mantra“, das ich aus diesem Buch mitgenommen habe, zeigt. Religiöse Gedanken oder Versprechen spielen übrigens gar keine Rolle.
Ihr merkt es: ich mag dieses Buch sehr. Manchmal musste ich beim lesen weinen. Es rührt mich auch heute noch an. Meine Kinder haben das Buch mit mir zusammen oft angeschaut. Sie können sich auch heute noch, Jahre später, gut daran erinnern.

Der Verlag empfiehlt dieses Buch ab 3 Jahren. Ich finde, es kann einen jahrelang begleiten.

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PS Ich liebe dich

Beitrag von ellimic » So 22. Nov 2015, 10:10

Cecilia Ahern: PS Ich liebe dich
Fischer, 2004

Dieser Roman ist 2004 erschienen und machte die junge Schriftstellerin zur Bestseller- Autorin. Ich weiß nicht mehr, ob es mir jemand empfohlen hat, als 2006 mein Mann starb, oder ob es mir zufällig in die Hände fiel oder ob ich von dem Buch gehört hatte, weil es in aller Munde war. Und glaube ich das nur, oder ist es tatsächlich so, dass dieses Buch eine bis heute nicht gestoppte Flut von Romanen nach sich zog, deren Held/in verwitwet ist. Für manche Leute der schreibenden Zunft scheint der Tod etwas ungeheuer Romantisches an sich zu haben (gilt auch für Drehbuchautor/innen, deren Werke dann zu Filmen werden, in denen der jahrelang verwitwete und darüber verbitterte Mensch innerhalb von 90 Minuten durch eine „schicksalhafte“ Begegnung geläutert wird).
Vorurteilsbeladen begann ich das Buch zu lesen. Bestimmt findet die Witwe im Verlauf dieser mehr als 400 Seiten eine neue Liebe und alles ist wieder gut, ätzte ich in Gedanken.

Holly ist 29, als ihr ein Jahr ältere Mann Gerry an Hirntumor stirbt. Nach seinem Tod erhält sie ein Päckchen – von ihm. Er hatte es für sie vorbereitet und dafür gesorgt, dass sie es nach seinem Tod erhält. In dem Päckchen befinden sich zehn Briefumschläge, für jeden der folgenden Monate einer. Darin stellt Gerry ihr kleine Aufgaben für den Alltag. Für Holly fühlt es sich an, als sei ihr Mann dadurch zu ihr zurückgekommen. Die Aufgaben sollen sie in ein Leben zurück bringen, dass sie zwar ohne ihren Mann , aber deshalb nicht ohne Freude führen muss.
Der Roman lässt sich gut lesen. Wir werden mitgenommen in Hollys Alltag und der besteht offenar überwiegend aus Friseurterminen und ständigen Pub-Besuchen im Freundeskreis. Alle versuchen, die junge Witwe aufzuheitern, nicht immer mit Witzen, die man auch im Mädchenpensionat erzählen könnte. Das ist spaßig zu lesen – wenn man Spaßiges lesen möchte. Wenn man aber gar nicht aufgeheitert werden will, sind diese Passagen nur schwer erträglich. Holly selber findet das wohl auch, denn irgendwann zieht sie sich von ihren Freunden zurück.
Wenn Holly alleine ist, ist Zeit und Raum für die berührenden Momente:
„...nie mehr mit ihm über einen Witz lachen, den nur sie beide verstanden, nie mehr würde sie sich bei ihm verkriechen könne, wenn sie von der Arbeit nach Hause kam und dringend jemanden brauchte, der sie in den Arm nahm...“/ „Am liebsten hätte sie nur Erinnerungen an die guten Zeiten gehabt, aber die schlechten ließen sie nicht in Ruhe. Warum hatte ihnen niemand gesagt, dass sie nur so wenig Zeit zusammen haben würden?“
Holly macht die Erfahrungen, die alle Trauernden machen: sie muss den Spagat schaffen zwischen dem Dasein als Witwe und dem Dasein als Freundin, Tochter, Schwester, Kollegin. Sie muss sich blöde Sprüche anhören und Kränkungen einstecken, sie muss erfahren, dass sich für andere Menschen die Welt weiterdreht, als sei nichts geschehen. Aber am Ende wird das alles sie stärker gemacht haben.
Übrigens wird sie nicht in ein "Happy-End" mit einer neuen Liebe schweben, wie ich anfangs geargwöhnt hatte. Aber sie wird den Gedanken zulassen, dass es wieder eine Liebe in ihrem Leben geben kann.

Wirklich wiedergefunden habe ich mich in dem Buch nicht. Dafür waren meine Lebensumstände zu verschieden von Hollys. Stattdessen hat mir der Roman monatelanges Suchen in den Taschen meines Mannes beschert, ob ich nicht doch noch eine Botschaft an mich finde...
Dennoch: es ist ein weitestgehend kitsch- und klischeefreier Roman aus der Sicht einer jungen Witwe. Ich wüsste nicht, dass sich vorher schon jemand einmal bemüht hätte, eine solche Lebenssituation unverkrampft in einem Roman darzustellen. Deshalb habe ich viel Sympathie für dieses Buch.

Ellen

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Re: Bücher

Beitrag von ellimic » So 25. Okt 2015, 07:24

Ich weiß doch gar nicht, wie sterben geht. Tagebuch einer Sterbebegleitung
Johannes Roth, Gütersloher Verlagshaus, 2000

Zu diesem Buch gibt es eine kleine Geschichte:
Mein Mann starb nach der Operation an einem Hirntumor, der viel zu spät entdeckt worden war. Ich machte mir große Vorwürfe: warum hatte ich nichts gemerkt? Er hätte überleben leben können! Es war kein Trost, dass die Ärzte zu denen mein Mann mit seinen Beschwerden gegangen war, auch nichs gemerkt hatte.
So sah es in mir aus, als ich eines Tages in der Stadtbücherei an einem Drehständer mit Taschenbüchern vorbei kam. Normalerweise beachtete ich diese Ständer nicht, weil sie meistens Krimis und Herz-Schmerz-Literatur enthielten. Das dachte ich zumindest. Aber an diesem Tag stand auch das genannte Buch darin und das so, dass es mir ins Auge fallen musste. Ich nahm es aus dem Ständer und las, dass es sich um das Tagebuch eines Mannes handelt, der seine Frau, die an Hirntumor erkrankt war, zwei Jahre lang begleitet hat – bis sie starb. Ich war fast glücklich darüber, endlich einen Erfahrungsbericht lesen zu können von jemandem, der in einer ähnlichen Situation -ähnlich alt und mit zwei Kindern- war wie ich.
Das Buch hat mich sehr getröstet, denn es hat mir, die keine Ahnung vom möglichen Verlauf dieser Krankheit hatte, gezeigt, was alles auf mich zugekommen wäre, wenn mein Mann und ich hätten weiter miteinander leben dürfen. Im Gegensatz zu Johannes Roths auch noch jungen Kindern waren meine noch sehr, sehr klein. Wie hätte ich das alles schaffen sollen? Das Fahren zu Fachkliniken, das Pflegen, das Zuversicht bewahren, das Versorgen und Behüten der Kinder, das Erklären, warum der Papa nicht mit ihnen spielen kann...

Dies ist das erste Buch, das mir geholfen hat, mein Schicksal zu akzeptieren. Leider ist es nur noch antiquarisch erhältlich.

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Bücher

Beitrag von ellimic » So 25. Okt 2015, 07:12

Ich habe immer gerne gelesen. Mal waren es seichte Geschichten, mal Klassiker, mal Ratgeber, mal Sachbücher, mal ein Krimi, dann auch mal ein Kinderbuch.
Als mein Mann gestorben war, ging vieles kaputt - aber nicht die Freude an Büchern. Die Stadtbücherei war ein Zufluchtsort. Natürlich habe ich damals auch Bücher gesucht, die in der Lage waren, mich zu trösten, mir einen Rat zu geben, wie ich mit der Trauer umgehen soll.
Hier, an dieser Stelle, sollen solche Bücher vorgestellt werden, die auf irgendeine Weise geholfen haben. Vielleicht hat man einen konkreten Tipp bekommen, vielleicht hat das Buch auch "nur" geholfen, die Zeit an einem einsamen Sonntag gut zu vertreiben.
Jede/r ist herzlich eingeladen, hier mitzuschreiben und die Liste zu verlängern.

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