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Re: Sonntag

Verfasst: So 8. Sep 2019, 12:57
von ellimic
Es ist modern, alles und jedes mit Sprüchen zu versehen. „Statements“, nennt sich das dann. Ich frage mich bei manchen Sprüchen eher, ob es nicht „Beschwörung“ heißen müsste. So geht es mir zum Beispiel mit dem schlichten Spruch „Das Leben ist schön“. Puh. An den Karten, Kissen, Bildern, Tassen usw, die mir das erzählen, gehe ich vorbei mit dem Gedanken: „Wem kann man denn diesen Quatsch erzählen?“ Ich brauche kein Sofakissen (nur so als Beispiel), das mir jedes Mal von der Schönheit des Lebens erzählt, wenn ich mich einfach nur, müde von der Tageslast, hinsetzen und ausruhen will. Vielleicht habe ich gerade mit meinem Kind gestritten, meine Arbeit hat mich unglaublich genervt, das Essen ist angebrannt – und überhaupt, wie kann es schön sein, wenn man alles alleine stemmen muss.
Neulich, beim Einkaufen, kam ich wieder an so einer Karte vorbei. „Das Leben ist schön*“ . Auch noch mit rosa Hintergrund. Ach du Schreck. Aber was sollte das Sternchen? Ich betrachtete die Karte genauer. Das Sternchen verwies auf diese Fußnote : „Obwohl praktisch alles dagegen spricht“. Ich grinste und kaufte die Karte, denn hier konnte ich doch wenigstens mal ansatzweise zustimmen. Rosa verpackter Galgenhumor.
Sie sagt genau das aus, was wir hoffen müssen, wofür wir kämpfen müssen, wenn unsere liebsten Menschen gestorben sind: dass das Leben wieder schön sein wird, OBWOHL es uns so schlecht ergangen ist.
Und so versuche ich, den Blickwinkel zu ändern: das Leben hat mich nicht nur gebeutelt, sondern auch beschenkt. Unser Kind, mit dem ich mich wieder versöhnen werde, die Arbeit, die mich manchmal nervt – aber ich habe sie. Das angebrannte Essen ist nicht völlig verdorben und wenn ich etwas alleine hinbekomme, was ich früher nie dachte zu können, macht mich das stolz. „Na, wie habe ich das gemacht?“, frage ich dann einfach so in den leeren Raum hinein denjenigen, der das größte Geschenk war.
„Ich wusste, dass du gut bist“, höre ich. Von irgendwo.
Habt einen Sonntag, an dem euch etwas Schönes begegnet.

Ellen

Re: Sonntag

Verfasst: So 25. Aug 2019, 12:38
von ellimic
Ich bin nicht die Einzige.
Das wollte ich immer und immer wieder bestätigt haben. Und dann wollte ich wissen, wie es denn die anderen schaffen, weiterzuleben, wenn ihnen der liebste Mensch genommen wurde. Deshalb habe ich jede Sendung gesehen, die sich um das Thema "früh verwitwet" dreht. Sie haben mir Mut gemacht, die vorgestellten Frauen und Männer. Wie gut, dass es auch immer wieder Filmemacher/innen gibt, die sich mit viel Engagement dieses Themas annehmen.
Eine solche Frau haben wir kennen gelernt, wenn auch nicht persönlich. Durch eine Werbeaktion bekamen wir Kontakt zum MDR. Die Filmemacherin Elisabeth Endress hat daraufhin Kontakt zu uns aufgenommen, mit der Absicht, in einer halbstündigen Dokumentation das Schicksal "früh verwitwet" zu beleuchten. Dieser Film wurde kürzlich im MDR ausgestrahlt und ist hier zu sehen:

https://www.mdr.de/tv/programm/sendung849510.html

Es ist ein berührender Film, der viele Facetten dieses Themas beleuchtet. Vielleicht macht es auch euch Mut, zu sehen, wie die drei vorgestellten Verwitweten ihr Leben in die Hand nehmen.

Ellen

Re: Sonntag

Verfasst: So 21. Jul 2019, 14:55
von ellimic
Ich wurde gefragt, ob ich Menschen kennen, die nach dem Tod des Partners oder der Partnerin zu neuen Ufern aufgebrochen seien und die bereit wären, darüber in der SWF-Talkshow „Nachtcafé“ zu sprechen. Hier treffen Menschen mit verschiedenen Schicksalen aufeinander, um über ein Thema zu reden. Diesmal also über das Betreten von neuen Ufern.
Ich nahm dies zum Anlaß, mit den Besucherinnen (diesmal waren keine Besucher da) der Selbsthilfegruppe darüber zu reden, inwiefern wir zu neuen Ufern aufbrechen mussten.
Zunächst dachten wir, „zu neuen Ufern aufbrechen“, das klingt nach einem radikalen Umbruch. Nach dem erfolgrichen Unternehmer, der nach Indien auswandert, um Yoga-Lehrer zu werden. Nach der Familienfrau, die nach dem Tod ihres Mannes das Unternehmen weiterführt. „Zu neuen Ufern“ klingt nach einer spektakulären Veränderung.
Das mag es alles geben, aber wir sind vollkommen „unexotisch“. Für einen riesigen Neuanfang fehlte uns die Kraft. Wir wollten nur, das unser Leben wieder lebenswert wird. Ja, deshalb mussten auch wir zu neuen Ufern aufbrechen. Es blieb uns nichts anderes übrig. Wir wurden Alleinerziehende oder Alleinlebende, wir suchten uns ein neues Zuhause und einen neuen Job, wir mussten neue Freundschaften aufbauen und Altes lolassen.
Nichts Aufregendes, von außen betrachtet, aber für uns wie ein Erdbeben, und es ist gut, dass wir tatsächlich wieder ein Ufer erreicht haben.
Auch die sympathische Verwitwete, die als Gast im Nachtcafé dabei war, hat kein von Grund auf neues Leben angefangen, sondern in jahrelanger Arbeit gelernt, ihr neues Leben zu akzeptieren und trotz allem schön zu finden.

Wer sich die Sendung anschauen mag, findet sie hier:

https://www.youtube.com/watch?v=5woF46A02OU

Re: Sonntag

Verfasst: So 23. Jun 2019, 14:04
von ellimic
Dieser Tag fing chaotisch an, nichts funktionierte. Dann schien unser lange geplante Ausflug auch noch ein Tag auf verschiedenen Bahnhöfen zu werden, verplempert mit endloser Warterei auf Züge, die dann doch nicht kamen. Entnervt wollte ich aufgeben und wieder nach Hause fahren, aber mein Kind weigerte sich. Das war auch gut so! Mit zwei Stunden Verspätung erreichten wir unser Ziel. Liebe Menschen, die wir lange nicht gesehen hatten, nahmen uns in Empfang. Wir verbrachten den Nachmittag zusammen in schöner Umgebung. Die Rückfahrt verlief problemlos, am späten Abend waren wir zu Hause und hatten einen erholsamen, anregenden Tag gehabt.
Wie gut, dass mein Kind sich von den Anlaufschwierigkeiten des Tages nicht hat entmutigen lassen!

Lasst euch ermutigen – von kleinen und großen Kindern, von Freunden, Nachbarn, Gleichbetroffenen.

Ellen

Re: Sonntag

Verfasst: So 9. Jun 2019, 19:45
von ellimic
Sport ist nicht gerade meine Stärke – um es freundlich auszudrücken. Ich bin dieser klassische Fall des Kindes, das im Schulsport immer zuletzt in eine Mannschaft gewählt wurde. (Ob man wohl heute, Jahrzehnte später, die Kinder immer noch dieser Demütigung aussetzt, frage ich mich gerade.) Hätte man mir damals gesagt, dass ich einmal im Sportbereich tätig sein werde, hätte ich mich wahrscheinlich mit Grausen abgewendet. Und nun arbeite ich seit einigen Monaten tatsächlich im Sportbereich. Ich verkaufe nichts, ich trainiere natürlich niemanden, sondern ich erledige schnöde Büroarbeiten. Dafür muss man ja nicht sportlich sein. Trotzdem ist es für mich immer wieder erheiternd, dass ausgerechnet ich meine Brötchen damit verdiene, mich jeden Tag mit Sport zu beschäftigen. Ich nenne das eine der Pointen meines Lebens. Ungeplant, überraschend, unglaublich.
Mich beruhigen solche Wendungen im Leben. Die Überraschungen, die mir zeigen: es passieren so viel mehr Dinge, als ich mir vorstellen kann. Gerade in der größten Verzweiflung, im tiefsten Kummer können wir nicht glauben, dass uns auch mal wieder Gutes passieren wird. Ein interessantes Jobangebot. Ein toller Urlaub. Ein Lebenstraum, der sich verwirklicht. Eine neue Liebe. Einfach: neue Lebensfreude.

Das alles kann es wieder geben. WIRD es wieder geben. Vielleicht nicht heute oder morgen. Aber vielleicht an einem Tag, an dem wir überhaupt nicht damit rechnen. An einem Ort, an dem wir nicht einmal freiwillig sind.

Ellen

Re: Sonntag

Verfasst: So 26. Mai 2019, 09:20
von ellimic
Was tun mit den Einladungen zu Festen?
„Du kommst aber“, sagt die Freundin bittend und wir ahnen: es wird ganz schwer, abzusagen. Da will uns jemand etwas Gutes tun und hofft, uns für eine Weile von der Trauer abzulenken. Und wir? Wollen uns zu Hause verkriechen, denn wir ahnen, dass uns das Fest keine Freude machen wird. Zugegeben: einen traurigen, einsamen Abend auf dem Sofa zu verbringen ist auch nicht netter, aber immerhin entgehen wir aufmunternden Blicken, gut gemeinten Bemerkungen nach dem Motto: „Er/sie hätte nicht gewollt, dass du so traurig bist“, und -nicht zu vergessen- belanglosen Gesprächen („Mein Mann bringt nie den Müll runter!“). Unser Bedarf an Party-Smalltalk geht gegen Null. Wir haben ganz anderes auf dem Herzen, an das wir ununterbrochen denken müssen, zum Beispiel: „Gibt es ihn/sie noch irgendwo?“, „Was stelle ich nur mit meinem Leben an?“, „Wann hört dieser riesige Kummer auf?“, „Kann ich je wieder glücklich sein?“

Gerne würden wir absagen, gleichzeitig haben wir Schuldgefühle. Es ist doch sehr nett von der Freundin, uns einzuladen, obwohl wir zur Zeit nicht die Stimmungskanonen sind und bezweifeln, dass wir es je wieder sein könnten. Und wenn wir absagen, werden wir vielleicht nie wieder eingeladen!

Die Teilnehmerin einer Selbsthilfegruppe macht es so: sie sagt zu unter dem Vorbehalt, nicht zu kommen, wenn es ihr an dem betreffenden Tag zu schlecht geht.
Das ist eine gute Möglichkeit!
Man muss sich hineinfinden an die Idee, ohne Partner/in am gesellschaftlichen Leben teilzunehmen. Muss damit umgehen lernen, Paaren zu begegnen. Das braucht- wie alles in der Trauer – viel Zeit. Man kann auch lernen, sich alleine zu amüsieren – und das man es überhaupt darf. Man kann es sich selber erlauben. Und man kann damit leben, dass es immer irgendwelche Zeitgenossen gibt die, nur weil man sich mal kurz das Lachen erlaubt hat, fälschlicherweise davon ausgehen, alles sei wieder gut.

Ach, es gibt viele Fallstricke bei Festen. Man wächst auch da hinein. Ich gehe immer mit einem Funken Optimismus zu solchen Festen. Wer weiß: vielleicht führe ich genau heute abend, am Buffet, zwischen Hauptgang und Nachtisch, das erste richtig gute Gespräch seit Wochen. Oder ich höre mein eigenes Lachen und merke: ich kann es noch.
Und wenn nicht? Dann war es trotzdem ein guter, tapferer Schritt auf dem Weg zurück ins Leben. Lasst euch nicht entmutigen!

Ellen

Re: Sonntag

Verfasst: So 5. Mai 2019, 20:06
von ellimic
Manchmal in den Ferien oder am Wochenende fahre ich meine Tochter zu weiter entfernten Sport-Lehrgängen. Da ich sie abends wieder abholen muss, lohnt es sich meist nicht, noch einmal nach Hause zu fahren. Deshalb suche ich mir im Vorfeld mittels Atlas und Internetrecherche ein besuchenswertes Ziel aus. Circa sieben Stunden wollen gefüllt werden.

Sieben Stunden alleine – wo ich doch sowieso schon alleine bin. Wie viel schöner wäre es, diese Zeit zu zweit zu verbringen. Oder?
Es ist wie es ist. Ich bin alleine unterwegs, Punkt. Ich besichtige Städte, gehe stundenlang in Läden und Museen. Ich sitze in einem (laut Internet) der „zehn schönsten Biergärten Deutschlands“, die Sonne scheint, der Kuchen gehört eher nicht zu den „zehn besten Kuchen Deutschlands“, ich lese ein Buch. Ich sitze auf einer Bank am See und schreibe.
Und dann werde ich doch noch ein wenig traurig: auf der Bank neben mir sitzt ein altes Paar, in ein Gespräch vertieft. Ach, es wäre so schön, wenn...
Ja, das wäre es. Aber es ist anders gekommen. Anders schön.

Jeden Tag gibt es „anders schöne“ Momente. Achtet einmal darauf!

Ellen

Re: Sonntag

Verfasst: So 28. Apr 2019, 10:21
von ellimic
Eine Frau schreibt mir, sie könne nicht zum Treffen der Selbsthilfegruppe kommen, weil zeitgleich ein Gedenkgrottesdienst für alle im letzten Jahr Verstorbenen des Hospizes stattfindet.
Als ich zum Treffpunkt der Gruppe komme, steht sie aber vor der Tür. Sie lächelt mich an.
„Ich habe mich für die Lebenden entschieden.“

Re: Sonntag

Verfasst: So 7. Apr 2019, 09:35
von ellimic
„Ein neues Leben kann man nicht anfangen, aber täglich einen neuen Tag.“
Henry David Thoreau

Wir wollen sowieso kein neues Leben anfangen. Am liebsten hätten wir unser altes zurück, deshalb sind wir ja so maßlos traurig. Ein neues Leben – wie unsäglich anstrengend wäre das. Lieber noch etwas in dem alten verharren, noch in Gedanken und Erinnerungen versunken. Wir wollen kein neues Leben. Aber ein neuer Tag: das klingt hoffnungsvoll. Ein Tag vielleicht, an dem ich nicht mehr so viel weinen muss. An dem ich Licht am Ende des Tunnels sehen kann. Ein Tag, an dem die Sonne scheint -auch für mich.
So ein Tag möge heute für euch sein.
Ellen

Re: Sonntag

Verfasst: So 24. Mär 2019, 12:17
von ellimic
„God only knows what I´d be without you“

Ein Ohrwurm. Manchmal wird dieses Lied der Beach Boys in einem Film verwendet, z. B. im Abspann von „Tatsächlich Liebe“. Als ich es kürzlich in einem anderen Zusammenhang wieder hörte, übersetzte ich mir die Zeile, statt sie gedankenverloren mitzusummen.
„Gott allein weiß, was ich ohne dich wäre“.
Ich weiß es auch. Denn ich BIN ohne dich.
Ich bin die, die nicht aufgibt, auch wenn mein Traum sich nicht erfüllt hat. Ich bin die, die glücklich darüber ist, dass sie dich kennengelernt hat. Ich bin die, die unsere Kinder zu lebenstüchtigen, fröhlichen Menschen erzieht.
Gott allein weiß, was ich wäre, wenn ich dich nie getroffen hätte.
Aber DAS will ich auch gar nicht wissen.

Habt einen guten Sonntag
Ellen