Sonntag

Fragen stellen, Erfahrungen austauschen, Menschen mit ähnlichem Schicksal treffen - das könnt ihr in diesem Thread.
ellimic
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Re: Sonntag

Beitrag von ellimic » So 15. Apr 2018, 08:25

Die verletzenden Bemerkungen der Umwelt: immer wieder Thema in unserer Selbsthilfegruppe. Hier versteht jeder, wenn ich mich aufgeregt habe über ein „Jetzt sollte es aber langsam mal gut sein mit der Trauer“ oder ein kumpelhaftes „Na, wie geht´s“, inmitten eines alptraumhaften Lebens.
Aber hier ist aber auch der Raum um sich zu fragen: wie würden wir uns im umgekehrten Fall verhalten? Wären wir verständnisvoll, fänden wir die richtigen Worte? Ich für mich muss sagen: Bei der ein oder anderen Bemerkung, die ich mir anhören musste, habe ich gedacht: „Hoffentlich, HOFFENTLICH!, hätte ich niemals so etwas Unsensibles gesagt.“
Dieser Gedanke macht mich fast ein bisschen demütig. Jedenfalls möchte ichgendwelche unreflektierten Bemerkungen nicht allzu ernst nehmen und sie nicht nachtragen. Ich möchte ja auch gerne, dass man mir verzeiht, wenn ich unbedacht war. Gerade dann, wenn ich es eigentlich nur gut meine, aber meine Erfahrungen nicht ausreichen, um den anderen wirklich verstehen zu können.
Deshalb: seien wir nachsichtig. Auf die Dauer ist das nicht nur besser für die Beziehungen zu den Mitmenschen, sondern auch für unseren Seelenfrieden.

In diesem Sinne: Habt einen guten Sonntag!
Ellen

ellimic
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Re: Sonntag

Beitrag von ellimic » So 1. Apr 2018, 19:36

„Die neue Frisur steht dir gut!“ „Dein neues Auto ist klasse!“
Wir lieben neue Sachen. Neues bringt frischen Wind. Wir fühlen uns gut, wenn wir etwas Neues haben.
Wie ist es aber mit neuen Lebensumständen? Beängstigend, oder? Jedenfalls dann, wenn wir sie nicht gewollt haben. Das Alte war schön. Warum sollte etwas Neues entstehen?
Weil wir dazu gezwungen werden. Weil unser liebster Mensch gestorben ist. Weil wir ohne ihn/sie weiterleben müssen. Plötzlich ist die Wohnung zu groß, das Brot vom Bäcker zu viel, der Gedanke an den nächsten Urlaub unerträglich.
„Siehe, ich mache alles neu“, steht in der Bibel, und es soll eine Verheißung sein. Wir haben die Chance, neu anzufangen. Aber dagegen wehren wir uns. Wieso, denken wir wütend, muss denn alles neu gemacht werden? Das Alte war schön!
Ja, aber die brutale Wahrheit ist: es kommt nicht wieder. Wir sind darüber traurig und verzweifelt und denken, wir werden nie wieder glücklich sein.In diesem tiefdunklen Moment ist der Satz „Siehe, ich mache alles neu“ keine Bedrohung, sondern ein Strohhalm, an den wir uns klammern können. Heute noch sind wir so verzweifelt, dass wir nicht wissen, wie es weitergehen soll. Aber das wird nicht immer so bleiben. Es wird etwas Neues entstehen. Das ist dann anders. Aber auch schön.

Vertraut auf die Möglichkeit, dass das Neue schön sein wird.

Ellen

ellimic
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Re: Sonntag

Beitrag von ellimic » So 25. Mär 2018, 09:53

n dieser Woche, am 21. März, war der UNESCO Welttag der Poesie. Deshalb gibt es heute einmal ein Gedicht. Ein über 200 Jahre altes Gedicht, geschrieben von einer sehr jungen Frau.

Die eine Klage

Wer so ganz in Herz und Sinnen
Konnt ein Wesen lieb gewinnen,
O! Den tröstet´s nicht,
Dass für Freuden, die verloren,
Neue werden neu geboren:
Jene sind´s doch nicht.

Das geliebte, süße Leben,
Dieses Nehmen und dies Geben,
Wort und Sinn und Blick,
Dieses Suchen und dies Finden,
Dieses Denken und Empfinden
Gibt kein Gott zurück.

Karoline von Gründerode (1780-1806)

Es heißt immer, frühere Generationen gingen mit dem Tod besser um als wir, weil der Tod „alltäglicher“ war. Aber offenbar war der Schmerz der selbe wie heute. Und wie vor 2000 Jahren vermutlich auch. Ich bin nicht alleine mit meinem Schmerz, war es nie und werde es nie sein. Ein Trost mag das nicht sein, aber doch eine Art Erleichterung darüber, dass ich nicht isoliert bin in der Welt.

Was das Gedicht auch zum Ausdruck bringt: es wird wieder Freuden geben. Nie mehr die, die man verloren hat, sondern andere. Aber sie trösten über den Verlust nicht hinweg. Wer von uns hat nicht schonmal heimlich mit den Zähnen geknirscht, wenn ein wohlmeinender Mensch uns aufmuntern wollte mit den Worten: „Aber schau mal, was du noch alles hast...“
Die Freude anzunehmen obwohl der Verlust schmerzt, ist eine Aufgabe an uns.
„Das Leben ist schön...“ schallte es mir kürzlich entgegen, als ich einkaufen war. Unverkennbar Herbert Grönemeyers Stimme. Zwischen Zucchini und Äpfeln stand ich da und hörte zu. Auch er hat jung seine Frau verloren und stand alleine mit den Kindern da. Heute beschwört er die Schönheit des Lebens.

Ich wünsche euch, dass dieser Sonntag Schönes bereit hält.

Ellen

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Sonntag

Beitrag von Olivia » So 18. Mär 2018, 15:15

Sonntag - ich sitze im ICE auf dem Weg nach Hause.
Seit gestern nicht mehr Vorstandsmitglied und doch viele Ideen im Gepäck.
Ein Starter Kid für die Regionalgruppen, dass bald an den Start gehen kann. Unser Ziel: Menschen regional miteinander in Austausch zu bringen.
Wir warten auf Post von StartSocial und hoffen sehr unter den ersten 25. Stipendiaten zu sein. Wir werden berichten...
Adolf ist unser neues Vorstandsmitglied- Vielen Dank für deinen Einsatz.
Ellen und Sabine wieder und weiter dabei - auch hier ein dickes Dankeschön.
Ich freu mich auf meine Zeit im Beirat, um euch zu unterstützen, vielleicht auch hier im Forum mehr zu berichten...
Eure Anja
Wende dein Gesicht der Sonne zu, dann fallen die Schatten hinter dich

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Re: Sonntag

Beitrag von ellimic » So 11. Mär 2018, 16:02

„Die Sonntage sind schrecklich.“
„Die Sonntage sind eben nicht mehr schrecklich, sondern Tage, an denen man frei hat und etwas unternehmen kann.“

Zwischen diesen beiden Aussagen liegen Jahre. Jahre, in denen man lernen muss, es mit sich selber auszuhalten. Ja, die Sonntage nach dem Verlust des liebsten Menschen sind schrecklich. Man fühlt sich einsam und ausgestoßen. Niemand ist da, der mit einem redet. Es sei denn man lebt mit Kindern zusammen, aber das ist natürlich nicht dasselbe.
Wer alleine lebt, macht an solchen Sonntagen gerne gleich morgens den Fernseher an und lässt sich berieseln bis es Zeit zum Schlafengehen ist. Warum auch nicht?
Vielleicht hilft es in dem Moment, sich zu sagen: Das ist nun meine Aufgabe. Zu lernen, mit mir alleine klar zu kommen. Etwas über mich zu lernen. Es mir schön zu machen. Ich wollte diese Aufgabe nicht und ich mag sie nicht, aber sie ist nun einmal da. Die Seele zu putzen und zu pflegen, bis sie wieder strahlt, braucht Zeit. Aber es ist zu schaffen!

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Re: Sonntag

Beitrag von ellimic » So 25. Feb 2018, 10:53

Seit anderthalb Wochen ist Fastenzeit. Jedesmal, bevor es losgeht und es von Vorschlägen wimmelt, worauf man fasten könnte, werde ich trotzig.
„Ich faste das ganze Jahr über auf meinen Mann“, sage ich dann und esse das nächste Stück Kuchen.

Setzt euch nicht unter Druck und lasst euch nicht sagen, was zu tun ist. Tut euch Gutes, auch an diesem Sonntag!

Ellen

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Re: Sonntag

Beitrag von ellimic » So 4. Feb 2018, 08:37

„Ich gehe nicht gerne auf den Friedhof.“

Ein Satz, der ein schlechtes Gewissen macht. Muss man nicht dorthin gehen, wo der gliebte Mensch seine letzte Ruhestätte gefunden hat?
„Nein“, sagen andere Trauernde. „Für mich ist er/sie dort nicht.“
Manche haben einen Platz zu Hause eingerichtet. Und zünden dort eine Kerze an.
Manche sagen, er/sie ist sowieso immer bei ihnen.
Manche suchen statt des Friedhofs lieber Orte auf, an denen sie gerne zusammen waren.
Für manche ist es schlicht zu schwierig, den Friedhof zu erreichen. Sie müssen die kleinen Kinder versorgen. Oder finden bei den vielen Anforderungen des Alltags keine Zeit.

Es gibt so viele Möglichkeiten, dem versorbenen Menschen nahe zu sein! Bitte setzt euch wegen des Friedhofsbesuchs nicht unter Druck. Wichtig ist, was ihr möchtet bzw. tun könnt. Nicht das, was (scheinbar) erwartet wird.

Tut euch Gutes!
Ellen

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Re: Sonntag

Beitrag von ellimic » So 28. Jan 2018, 11:43

„Gedanken wollen, wie Kinder und Hunde, dass man mit ihnen im Freien spazieren geht“ * lese ich. Ich habe keinen Hund, aber viele Gedanken. Und an diesem Samstag scheint einmal die Sonne! Genau an dem Tag, an dem das Radio verkündet, dieser Januar sei der dunkelste seit Beginn der Wetteraufzeichnung! Also gehe ich wohl besser eine Zeitlang vor die Tür, denn morgen kann es schon wieder düster aussehen!
Ich drehe also eine Runde und hoffe, das Kopf-Kino kommt einmal zur Ruhe. Und ich hoffe, die Bewegung hält mich fit. Fit für das Leben.

Heute ist es nun tatsächlich wieder trübe und ungemütlich draußen. Macht es euch also drinnen so angenehm wie möglich!
Ellen

*Christian Morgenstern

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Re: Sonntag

Beitrag von ellimic » So 12. Nov 2017, 12:13

Schön am Kinder-Haben ist auch das Vorlesen. Leider hört das ja irgendwann mal auf. Bei uns natürlich auch. Aber mein Sohn ist glücklicherweise so freundlich, seine Mutter noch manchmal vorlesen zu lassen. Bei der Buchauswahl gilt das, was immer schon galt: mir muss die Geschichte auch Spaß machen.
Eine Freundin riet mir kürzlich eindringlich, die Vorurteile gegen das Buch „Timm Thaler“ von James Krüss zu überdenken. Die waren in meiner Kindheit entstanden, als im Fernsehen der Weihnachtsmehrteiler „Timm Thaler“ lief.
Und so kuscheln mein Sohn und ich an diesem grauen Novembersonntag auf der Couch, haben Kerzen angezündet und lesen die Geschichte von dem Jungen, der sein Lachen an den Teufel verkauft hat. Tatsächlich ist sie völlig anders als die Serie. Zu Beginn ist Timm Halbweise, der kurz nach Einsetzen der Geschichte auch noch seinen Vater beerdigen muss. So entwurzelt, ist es für den Teufel ein Leichtes, den Jungen zu einem Geschäft zu überreden: Timm gewinnt jede Wette, muss aber dafür im Gegenzug dem Teufel sein Lachen überlassen. Dadurch wird Timm zwar reich, aber auch unglücklich. Die Geschichte ist wie ein „Trotz allem“, eine Liebeserklärung an das schwierige Leben.
In ihrem Verlauf schaut sich Timm ein Theaterstück an, dass mit einem Dialog beginnt. Hier ein Ausschnitt daraus:

König:
...Die Welt ist eine Kugel, die zwar blinkt,
doch wie die Seifenblase eines zerspringt.
Muss sich der Mensch da nicht Gedanken machen
Und ernst und würdig bleiben statt zu lachen?

Vagabund:
...Wer auf den Tod hin lebt, Herr, ist genarrt.
Denn Leben, Majestät, ist Gegenwart.
Ein Glas ist nichtg gemacht, damit es springt,
Es ist gemacht, damit`s vom Weine blinkt.
Zwar weiß es wohl, dass es einst springen soll.
Doch noch ist´s Glas. Und so ein Glas ist voll!

König:
Wie kann ein Glas sich freuen, dass es blinkt,
Wenn es schon weiß, dass es einmal zerspringt?

Vagabund:
Es freut sich ebendrum so sehr daran,
weil´s weiß, dass es nicht ewig blinken kann!
….
Und man erkennt den Menschen stets daran,
dass er zur rechten Stunde lachen kann!

Krüss, James: Timm Thaler oder Das verkaufte Lachen. Verlag Friedrich Oetinger, 2001, S.78f


Mit diesem Gedanken wünsche ich euch einen guten Sonntag. Vielleicht gibt es heute eine „rechte Stunde“, um zu lachen?
Ellen

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Re: Sonntag

Beitrag von ellimic » So 5. Nov 2017, 09:41

Der Herbst ist da. Die Zeit, sich in der Wohnung einzuigeln und es sich gemütlich zu machen.
Oder die Zeit, sich davor zu fürchten, in der Wohnung eingesperrt zu sein, allein mit seinem Gedankenkarussell und vielleicht auch noch mit streitenden, nicht ausgelasteten Kindern.
Spätestens dann ist der Zeitpunkt gekommen, um vor die Tür zu gehen.
Ich gehe gerne, wenn es schon bald dunkel wird. Ich lasse eine Lampe am Fenster zur Straße brennen. Wenn ich wiederkomme, durchgefroren oder sogar nass bis auf die Knochen, aber durchgepustet und beruhigt, ist die Wohnung ein Zufluchtsort. Denn dort gibt es die Couch und den Tee.

Habt einen guten Sonntag!
Ellen

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