Sonntag

Fragen stellen, Erfahrungen austauschen, Menschen mit ähnlichem Schicksal treffen - das könnt ihr in diesem Thread.
ellimic
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Re: Sonntag

Beitrag von ellimic » So 3. Jun 2018, 08:48

Heute morgen schreckte ich aus dem Schlaf hoch, weil es schon so hell war. Hatte ich verschlafen? Ein Blick auf den Wecker: zehn nach fünf.
Mein Mann starb Ende Mai vor inzwischen ziemlich vielen Jahren. Schlaflose Nächte hatte ich dank der anstrengenden Tage mit kleinen Kindern nicht, aber ich wachte immer gegen halb fünf auf. Eine Zeitlang habe ich versucht, dann wieder einzuschlafen, aber das konnte ich nicht. Also, dachte ich, das muss ein Zeichen sein. Ich begann zu schreiben. Jeden Morgen schrieb ich an meinen Mann, erzählte von unserem Alltag, was mir durch den Kopf ging, ließ meinem Ärger über Behörden usw. freien Lauf, aber beschrieb auch die kleinen Freuden, die ich -trotz allem- mit den Kindern erlebte. Ich schrieb und schrieb. Oft weinte ich dabei, aber das war gut so. Ich merkte, wie ich mich auf diese „Treffen“ mit meinem Mann freute. Die Aussicht darauf war wie ein Strohhalm, an den ich mich in diesen schrecklichen Tagen klammerte.
Heute glaube ich, dass dies meine Therapie war. Ich hatte keine Energie und auch keine Zeit, um mich um eine professionelle Hilfe zu kümmern. Eine sehr nette Trauberbegleiterin und mein Tagebuch – das war es, was mir durch die erste Zeit half.
Heute hat das Tagebuchschreiben nicht mehr diesen hohen Stellenwert für mich. Wenn ich nun so früh aufwache, freue ich mich am Vogelgezwitscher, an der Ruhe im Haus und an der ersten Tasse Tee des Tages. Und daran, wie weit wir doch gekommen sind, meine Kinder und ich!
Vielleicht ist dieser Text eine Anregung für euch. Vielleicht ist das Schreiben aber auch gar keine Option. Möget ihr inmitten des alltäglichen Chaos den passenden Strohhalm für euch finden!

Ellen

ellimic
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Re: Sonntag

Beitrag von ellimic » So 27. Mai 2018, 10:04

„Wenn du den Hahn auch einsperrst, die Sonne geht doch auf.“

Ein Sprichwort aus Indien, entdeckt in meinem Abreißkalender. Eine Erfahrung, die auf der ganzen Welt gemacht wird: es wird wieder schön, sogar wenn wir versuchen, das zu verhindern.
Das ist unglaublich, denn: Wie soll das gehen, nachdem wir unseren liebsten (erwachsenen) Menschen verloren haben? Wen interessiert da die Sonne?
Und trotzdem scheint sie. Und trotzdem blühen die Blumen. Das können wir nicht verhindern. Zum Glück! Denn irgendwann freuen wir uns auch wieder an der Wärme und den Farben. Gerade jetzt brauchen wir diese kleinen Freuden ganz dringend.

Macht euch Freude an diesem Sonntag.

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Re: Sonntag

Beitrag von ellimic » So 13. Mai 2018, 10:26

Ein Ereignis, das an mir vorbei ging, ist der European Song Contest. Bis ich (leider erst heute morgen) in der Zeitung las, dass der deutsche Beitrag vom verstorbenen Vater des Sängers handelt. Ich kannte dieses Lied nicht, aber es war mir sofort sympathisch. Hoffentlich war es nicht wieder auf einem der letzten Plätze gelandet!
Dank des Internets kann man sich ja schnell informieren, man muss nicht mehr, wie früher auf die Radionachrichten warten und darauf, dass das Lied im Radio gespielt wird.
Platz vier. Sehr schön. Zu hören ist das Lied hier:
https://www.youtube.com/watch?v=N4YwSy4Q9k0

Ein junger Mann singt über seinen Vater und seine Familie. Seine Mutter, geht es mir durch den Kopf, war sicher auch verzweifelt und mutlos, als ihr Mann starb und sie plötzlich alleine für drei Kinder verantwortlich war. Und heute steht eines ihrer Kinder auf der Bühne, drückt seine Traurigkeit in einem Lied aus, würdigt dabei auch seine „loving mum“ und die ganze Welt schaut zu. Ich vermute, die Mama hat vieles richtig gemacht.

So wie wir auch. Heute ist Muttertag. Werdet ihr heute auf Händen getragen? Also: ich nicht:-) Die Kinder liegen im Bett und warten vermutlich darauf, dass ich sie zum Frühstück rufe...egal. Sie sind richtig so, wie sie sind und die „loving mum“ ist es auch.
Wir können alle stolz auf uns sein und in diesem Sinne wünsche ich euch einen guten Sonntag!

Ellen

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Re: Sonntag

Beitrag von ellimic » So 29. Apr 2018, 08:56

Da klage ich, nun sei es doch mal genug Winter und wann kommt endlich der Frühling?
Und dann das: der Frühling kommt und ich sitze verschreckt im Haus. Huch, Frühling? Dieser Zwang, aus dem Haus zu gehen! Bunte Kleider anziehen, obwohl einem danach gar nicht zumute ist!. Das neu erwachende Leben feiern, trotz der Erfahrung, dass Leben endet. Was für eine unmögliche Aufgabe!

Doch der Frühling hat Charme: er lässt nicht locker und irgendwann hat er uns doch. Das Fahrrad wird aus dem Winterschlaf geholt, das erste Eis gegessen. Kleine Freuden, die glücklicherweise hervorschauen, wenn wir gar nicht damit rechnen.

Ja nun: wir sind in Deutschland. Und ein schöner Frühlingstag bedeutet noch lange nicht, dass es jetzt immer so weiter geht. Hier zumindest ist es heute grau – und kalt! Und dabei hatte ich mich gerade an den Frühling gewöhnt.
Das Wetter kann es mir wirklich nicht recht machen...

Tut euch gut, egal, wie das Wetter ist.

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Re: Sonntag

Beitrag von ellimic » So 22. Apr 2018, 09:39

„Wir Menschen sind kooperativ, die meisten wissen es nur nicht...“
Das sagte gestern ein Psychologe in einer Radiosendung zum Thema „Abschied“.
Er spricht uns aus dem H wir erzen. Genau deshalb unterstützen den Ausbau von Selbsthilfegruppen. Ein Gespräch mit Gleichbetroffenen, das Wissen, dass man nicht alleine ist, kann ungeheuer gut tun. Heute beginnt eine Selbsthilfegruppe in Düren. Wer dort oder in der Region lebt, ist herzlich eingeladen! Weitere Informationen gibt es hier:
https://www.verein-verwitwet.de/node/187

Informationen über unsere anderen Regionalgruppen findet ihr hier:

https://www.verein-verwitwet.de/wir-sin ... nalgruppen

Manchmal, und hoffentlich immer öfter, ist der Tag aber auch ohne Gespräche über die Trauer genau so gut, wie er ist. Die Sonne scheint, die Bäume werden endlich grün, man fühlt sich wohl.
Habt einen guten Sonntag, alleine, mit Freunden oder in einer Gruppe, in der vielleicht neue Freundschaften entstehen.

Ellen

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Re: Sonntag

Beitrag von ellimic » So 15. Apr 2018, 08:25

Die verletzenden Bemerkungen der Umwelt: immer wieder Thema in unserer Selbsthilfegruppe. Hier versteht jeder, wenn ich mich aufgeregt habe über ein „Jetzt sollte es aber langsam mal gut sein mit der Trauer“ oder ein kumpelhaftes „Na, wie geht´s“, inmitten eines alptraumhaften Lebens.
Aber hier ist aber auch der Raum um sich zu fragen: wie würden wir uns im umgekehrten Fall verhalten? Wären wir verständnisvoll, fänden wir die richtigen Worte? Ich für mich muss sagen: Bei der ein oder anderen Bemerkung, die ich mir anhören musste, habe ich gedacht: „Hoffentlich, HOFFENTLICH!, hätte ich niemals so etwas Unsensibles gesagt.“
Dieser Gedanke macht mich fast ein bisschen demütig. Jedenfalls möchte ichgendwelche unreflektierten Bemerkungen nicht allzu ernst nehmen und sie nicht nachtragen. Ich möchte ja auch gerne, dass man mir verzeiht, wenn ich unbedacht war. Gerade dann, wenn ich es eigentlich nur gut meine, aber meine Erfahrungen nicht ausreichen, um den anderen wirklich verstehen zu können.
Deshalb: seien wir nachsichtig. Auf die Dauer ist das nicht nur besser für die Beziehungen zu den Mitmenschen, sondern auch für unseren Seelenfrieden.

In diesem Sinne: Habt einen guten Sonntag!
Ellen

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Re: Sonntag

Beitrag von ellimic » So 1. Apr 2018, 19:36

„Die neue Frisur steht dir gut!“ „Dein neues Auto ist klasse!“
Wir lieben neue Sachen. Neues bringt frischen Wind. Wir fühlen uns gut, wenn wir etwas Neues haben.
Wie ist es aber mit neuen Lebensumständen? Beängstigend, oder? Jedenfalls dann, wenn wir sie nicht gewollt haben. Das Alte war schön. Warum sollte etwas Neues entstehen?
Weil wir dazu gezwungen werden. Weil unser liebster Mensch gestorben ist. Weil wir ohne ihn/sie weiterleben müssen. Plötzlich ist die Wohnung zu groß, das Brot vom Bäcker zu viel, der Gedanke an den nächsten Urlaub unerträglich.
„Siehe, ich mache alles neu“, steht in der Bibel, und es soll eine Verheißung sein. Wir haben die Chance, neu anzufangen. Aber dagegen wehren wir uns. Wieso, denken wir wütend, muss denn alles neu gemacht werden? Das Alte war schön!
Ja, aber die brutale Wahrheit ist: es kommt nicht wieder. Wir sind darüber traurig und verzweifelt und denken, wir werden nie wieder glücklich sein.In diesem tiefdunklen Moment ist der Satz „Siehe, ich mache alles neu“ keine Bedrohung, sondern ein Strohhalm, an den wir uns klammern können. Heute noch sind wir so verzweifelt, dass wir nicht wissen, wie es weitergehen soll. Aber das wird nicht immer so bleiben. Es wird etwas Neues entstehen. Das ist dann anders. Aber auch schön.

Vertraut auf die Möglichkeit, dass das Neue schön sein wird.

Ellen

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Re: Sonntag

Beitrag von ellimic » So 25. Mär 2018, 09:53

n dieser Woche, am 21. März, war der UNESCO Welttag der Poesie. Deshalb gibt es heute einmal ein Gedicht. Ein über 200 Jahre altes Gedicht, geschrieben von einer sehr jungen Frau.

Die eine Klage

Wer so ganz in Herz und Sinnen
Konnt ein Wesen lieb gewinnen,
O! Den tröstet´s nicht,
Dass für Freuden, die verloren,
Neue werden neu geboren:
Jene sind´s doch nicht.

Das geliebte, süße Leben,
Dieses Nehmen und dies Geben,
Wort und Sinn und Blick,
Dieses Suchen und dies Finden,
Dieses Denken und Empfinden
Gibt kein Gott zurück.

Karoline von Gründerode (1780-1806)

Es heißt immer, frühere Generationen gingen mit dem Tod besser um als wir, weil der Tod „alltäglicher“ war. Aber offenbar war der Schmerz der selbe wie heute. Und wie vor 2000 Jahren vermutlich auch. Ich bin nicht alleine mit meinem Schmerz, war es nie und werde es nie sein. Ein Trost mag das nicht sein, aber doch eine Art Erleichterung darüber, dass ich nicht isoliert bin in der Welt.

Was das Gedicht auch zum Ausdruck bringt: es wird wieder Freuden geben. Nie mehr die, die man verloren hat, sondern andere. Aber sie trösten über den Verlust nicht hinweg. Wer von uns hat nicht schonmal heimlich mit den Zähnen geknirscht, wenn ein wohlmeinender Mensch uns aufmuntern wollte mit den Worten: „Aber schau mal, was du noch alles hast...“
Die Freude anzunehmen obwohl der Verlust schmerzt, ist eine Aufgabe an uns.
„Das Leben ist schön...“ schallte es mir kürzlich entgegen, als ich einkaufen war. Unverkennbar Herbert Grönemeyers Stimme. Zwischen Zucchini und Äpfeln stand ich da und hörte zu. Auch er hat jung seine Frau verloren und stand alleine mit den Kindern da. Heute beschwört er die Schönheit des Lebens.

Ich wünsche euch, dass dieser Sonntag Schönes bereit hält.

Ellen

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Sonntag

Beitrag von Olivia » So 18. Mär 2018, 15:15

Sonntag - ich sitze im ICE auf dem Weg nach Hause.
Seit gestern nicht mehr Vorstandsmitglied und doch viele Ideen im Gepäck.
Ein Starter Kid für die Regionalgruppen, dass bald an den Start gehen kann. Unser Ziel: Menschen regional miteinander in Austausch zu bringen.
Wir warten auf Post von StartSocial und hoffen sehr unter den ersten 25. Stipendiaten zu sein. Wir werden berichten...
Adolf ist unser neues Vorstandsmitglied- Vielen Dank für deinen Einsatz.
Ellen und Sabine wieder und weiter dabei - auch hier ein dickes Dankeschön.
Ich freu mich auf meine Zeit im Beirat, um euch zu unterstützen, vielleicht auch hier im Forum mehr zu berichten...
Eure Anja
Wende dein Gesicht der Sonne zu, dann fallen die Schatten hinter dich

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Re: Sonntag

Beitrag von ellimic » So 11. Mär 2018, 16:02

„Die Sonntage sind schrecklich.“
„Die Sonntage sind eben nicht mehr schrecklich, sondern Tage, an denen man frei hat und etwas unternehmen kann.“

Zwischen diesen beiden Aussagen liegen Jahre. Jahre, in denen man lernen muss, es mit sich selber auszuhalten. Ja, die Sonntage nach dem Verlust des liebsten Menschen sind schrecklich. Man fühlt sich einsam und ausgestoßen. Niemand ist da, der mit einem redet. Es sei denn man lebt mit Kindern zusammen, aber das ist natürlich nicht dasselbe.
Wer alleine lebt, macht an solchen Sonntagen gerne gleich morgens den Fernseher an und lässt sich berieseln bis es Zeit zum Schlafengehen ist. Warum auch nicht?
Vielleicht hilft es in dem Moment, sich zu sagen: Das ist nun meine Aufgabe. Zu lernen, mit mir alleine klar zu kommen. Etwas über mich zu lernen. Es mir schön zu machen. Ich wollte diese Aufgabe nicht und ich mag sie nicht, aber sie ist nun einmal da. Die Seele zu putzen und zu pflegen, bis sie wieder strahlt, braucht Zeit. Aber es ist zu schaffen!

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