Tagebuch

Fragen stellen, Erfahrungen austauschen, Menschen mit ähnlichem Schicksal treffen - das könnt ihr in diesem Thread.
verena08
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Re: Tagebuch

Beitrag von verena08 »

07.01.20..

Silvester bin ich früh ins Bett gegangen. Mein Ehrgeiz bestand darin, das Feuerwerk zu überhören. Ich habe das nicht ganz geschafft- aber immerhin wachte ich erst um 2 Minuten nach 12 auf. Aha, dachte ich, drehte mich herum und schlief weiter.

04.03.20..

Wir saßen beim Frühstück und plötzlich sah ich dich, wie du mich angrinst, vor meinen Augen. Ich musste kurz ins Wohnzimmer gehen, weil mir die Tränen kamen. Sofort kamen die Kinder hinterher. Ich „liebe“ diese Momente, in denen ich nicht mal kurz in Ruhe heulen kann...

Zum ersten Mal habe ich in unsympathischer Art und Weise von dir geträumt: du wolltest mir ein Baby wegnehmen, ich lief vor dir weg. Beim Aufwachen hatte ich Angst, den Kindern könne etwas zustoßen. Aber dann dachte ich: was, wenn es eigentlich ganz anders gemeint wäre? Wenn das Neugeborene für einen Neuanfang steht? Etwas aus mir heraus neu Geschaffenes – und du willst es mir wegnehmen. Die Trauer um dich verhindert den Neuanfang und darauf bin ich – wütend.


20.03.20..

Ich bin zu erschöpft, um für die Kindern großartig etwas für Ostern vorzubereiten: kein Ostergarten, kein Vorlesen aus der Kinderbibel, wie letztes Jahr...
Seit einigen Tagen versuche ich, abends ein paar Minuten Stille zu genießen. Eine Zeitlang habe ich den Fernseher angemacht, sobald ich die Kinder ins Bett gebracht hatte. Ich wurde wunderbar abgelenkt von mir...
Gründonnerstag. Jesus wusste beim Abendmahl, dass er sterben würde. Musste das nicht merkwürdig für ihn sein? Wann hast du gewusst, dass du sterben würdest? Gleich bei der Diagnose?

26.04.20..

Anruf von Frau K. Sie hat im Januar einen Witwer mit zwei Kindern kennen gelernt, 9 und 13 Jahre alt. Das ist der Knackpunkt: Frau K.´s Kinder sind erwachsen und sie sagt, sie kann sich nicht mehr auf so junge Kinder einlassen. Dieser Witwer hat neu gebaut (seine Frau ist auch vor zwei Jahren gestorben) „und in dieses Haus gehört eine junge Familie. Und ehrlich gesagt dachte ich dabei an Sie.“
Ich bin nicht interessiert.

07.05.20..

Brauche Entspannung. Morgen in drei Monaten kommt M. in den Kindergarten. Ich glaube, wir freuen uns beide. Er beginnt zu trotzen, das macht die Sache nicht einfacher für mich.
Der Geburts- und Todesmonat. Weiß noch nicht, wie ich damit umgehe. Fragen danach, wie es mir geht, beantworte ich mit „gut“. Dabei frage ich mich immer wieder, ob es mir gut geht, weil ich einfach keine Zeit habe, um mich schlecht zu fühlen, bzw. zu erschöpft bin. Denn: abends heule ich ja auch nicht vor mich hin. Die letzten zwei Abende habe ich sogar absolut „nichts“ gemacht. Ruhe war hier erst um halb neun. Danach habe ich die Füße hoch gelegt und nur da gesessen, zugesehen, wie es dunkel wird. Kein Fernsehen, keine CD...

15.05.20..

Zunächst wollte ich es nicht wahrhaben, aber es ist so: die folgenden Tage bzw. der Gedanke daran ziehen mich herunter. Heute ist mir etwas passiert, was schon lange, lange nicht mehr vorkam: ich habe am Telefon geweint. D. hat mich angerufen und gefragt, ob ich an deinem Todestag etwas Besonderes geplant habe. Ich sagte nein – zunächst mal stehe dein Geburtstag an. Und da kamen die Tränen. L. und ich haben zusammen einen Blumenstrauß gekauft, für den Tisch. Am Geburtstag wollen wir am Grab Luftballons fliegen lassen. Eigentlich wollte ich auch Blaubeermuffins backen. Aber irgendwie kommt mir das in diesem Jahr makaber vor.

16.05.20..

Ein Gespräch mit L.
Im Radio fällt das Wort „Tabu“:
„Mami, was ist „Tabu“?“
„Tabu bedeutet, dass es um eine Sache geht, über die die Leute nicht gerne sprechen.“
„Dann weiß ich, worüber die gesprochen haben: über Tod.“
„Wieso meinst du?“
„Du hast doch gesagt, dass die Leute nicht gerne über Tod sprechen.“
„Ja, das stimmt. Die meisten Leute haben Angst vor dem Tod.“
„Ich habe keine Angst davor.“
„Ja...wir haben keine Angst vor dem Tod und keine vor dem Sterben mehr.“
„Nein, vor dem Streben auch nicht. Ich will ja sterben, ich will ja zu Papi.“

Das hat mich nicht mehr so erschrocken, vielleicht, weil sie das schon öfter gesagt hat. Ich habe ihr daraufhin (wieder mal) gesagt, dass der Papi das bestimmt nicht will und sie ja auch noch einige Pläne hat.
Es gibt bestimmt nicht viele Familien, in denen beim Frühstück schon so lässig über den Tod gesprochen wird.

18.06.20..

„Mami“, sagt L. , „du weinst gar nicht mehr so viel wegen Papi.“
„Ja, stimmt.“ Ich erkläre ihr, dass ich das meistens mache, wenn sie und M. im Bett sind und ich total erschöpft bin. „Findest du das gut oder nicht so gut?“, frage ich sie.
„Nicht gut.“
„Die meisten Kinder fänden das eher gut.“
„Ich aber nicht.“

Ob sie denkt, ich vergesse dich, wenn ich nicht so viel weine? Ich ertappte mich dabei , dass ich mich im Stillen dafür rechtfertigte vor L. Als müsste ich ein schlechtes Gewissen haben!


25.06.20..

Urlaub in der Jugendherberge. Ganz neue Erkenntnisse:
M. und L. haben ein riesiges Durchhaltevermögen, sind abends kaum ins Bett zu bekommen. Außerdem ist für M. eine Woche zu viel. Er fragt oft, ob wir wieder nach Hause fahren bzw. will zu Oma und Opa. Inzwischen habe ich raus, wie ich Zeit für mich bekomme: nach dem Abendessen gehen die beiden ins Spielzimmer oder zum Fussball spielen. In der Zeit lese ich oder schreibe – oder schlafe vor, denn: s.o.

28.06.20..

Aus Gründen der Sentimentalität esse ich in dem Biergarten, in dem wir früher öfter waren, Wilde Kartoffeln. Sie sind genau so schlecht, wie ich sie in Erinnerung habe...

07.09.20..

Es ist bald Mitternacht und vor vielleicht zwei Stunden ist mir aufgefallen, dass heute unser Hochzeitstag ist. Muss ich mir Vorwürfe machen? Ich pfeif´ drauf. Sechster Hochzeitstag: wir haben nicht mal lausige sechs Jahre geschafft. Sch... Ich geh´ schlafen.


07.10.20..

M. mit seinen nun drei Jahren macht sich offenbar verstärkt Gedanken darüber, dass du fehlst. Am Mittagstisch bei Oma und Opa sagte er: „Mein Papa ist tot. Jetzt bin ich ganz alleine.“ Mein Vater beschwichtigte gleich: „Aber du hast doch die Mama und L.“.
Später setzte ich M. auf meinen Schoß und erklärte ihm, dass sein Papa schwer krank war und deshalb sterben musste. M´s Antwort: „Aber wenn ich mal alt bin und sterbe, dann bin ich glücklich, weil ich euch dann beide wieder habe.“
Kann dieser Gedanke aus so einem kleinen Kerlchen kommen? Hat er mal mit seiner Schwester darüber gesprochen? Von mir hat er das jedenfalls nicht!

20.10.20..

Endlich war Sperrmüll. Ich habe so viel weggeworfen: die Kleinkindzeit ist zu Ende, die Wickelkommode ist weg, der Fahrradsitz, der Kinderwagen. Lauter Dinge, die wir gemeinsam angeschafft hatten. Auch der runde Beistelltisch im Wohnzimmer. den L. immer hin und her geschoben hat, als sie laufen lernte. Andere Leute haben aus genau diesem Grund keinen Rolltisch: damit ihr Kleinkind nicht damit umfällt. L. ist nie etwas passiert – auch später M. nicht.
Ein kleines Regal von dir ist weg. Ach ja, auch die Mikrowelle mit Backofen, dieses riesige Ding, das nur im Weg stand. Aber auf dem Schrottplatz habe ich geweint, sie hatte zu uns gehört. Ich erinnere mich an die Aufbackbrötchen am Sonntagmorgen, erst in deiner Wohnung, später in unserer. Als L, M und ich hier eingezogen sind, habe ich eine Tüte Aufbackbrötchen, wie wir sie immer hatten, in die Truhe gelegt. Mit dem Ergebnis, dass sie fast ein Jahr dort lagen. Ich habe nie wieder welche gekauft.

24.12.20..

L. sagte gestern: „Ich hasse Überraschungen“. Ein Satz, den meine Mutter immer sagt. Ich verabscheue ihn, weil er so völlig die Mühe herabwürdigt, die sich jemand gibt, um einem anderen eine Freude zu machen. Ich bin ausgeflippt. Habe sie gepackt und gesagt, dass ich aber Überraschungen liebe und ich könne keine mehr bekommen, weil Papi nicht mehr da sei. Ich weinte und weinte und konnte mich gar nicht mehr beruhigen. Ich wusste, ich war selbstmitleidig und wollte es auch sein. Die ganze Adventszeit hindurch habe ich für die Kinder gemacht und getan und ich will zumindest, dass sie die Mühe anerkennen. Jedenfalls waren die Kinder ganz verschreckt. M.: „Aber ich will eine Überraschung haben“. L. stammelte: „Aber ich habe doch eine Überraschung für dich.“ Sie meinte das Geschenk aus dem Kindergarten. Ich sagte nichts. Wie hätte ich ihr sagen sollen, dass ihr Geschenkt kein Trost dafür ist, dass ich nie wieder ein Geschenk von dir bekomme...
verena08
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Re: Tagebuch

Beitrag von verena08 »

14.01.20..

...Ich habe so viele Sachen ausgepackt, die mich an dich bzw. unsere glückliche Zeit erinnern. Ich habe unsere Bilder aufgehängt, Poster, die wir zusammen ausgesucht haben, Fotos von uns...

24.01.20...

Mitternacht. Ich vergesse in keiner Sekunde, dass du nicht mehr da bist, aber Filme anschauen und lesen lindern für kurze Zeit.
L. sagte heute abend, dass Gott dich hat sterben lassen. Ich milderte das ab, indem ich sagte, Gott habe dich zu sich geholt, als klar war, dass es dir bei ihm besser gehen würde.


26.01.20..

Gestern kam der Anruf vom Anwalt: unserer Klage auf Rentenzahlung wurde stattgegeben. Ich kann es kaum glauben...

31.01.20..

In einer Stunde haben wir bereits Februar. Ein weiterer Monat auf dem Weg zu deinem ersten Todestag. Dieses Jahr vergeht so schnell – mir kommt es vor, als sei ich gestern im Krankenhaus gewesen, um dir zu sagen, dass die Kinder und ich es schon schaffen werden...
Ich sitze immer noch hier und denke: „Wie konnte uns das passieren?“ Fassungslos stehe ich vor meinem komplett veränderten Leben.

14.02.20..

Also gut, jetzt trinke ich einen Sekt für uns. Heute ist Valentinstag...

03.03.20..

Ich träumte, du bist wieder da.
Mir kommt der Gedanke: vielleicht ist der Traum die Wirklichkeit und dies hier der Alptraum. Aus dem ich allerdings erst aufwache, wenn ich selber sterbe.

10.03.20..

Vorgestern hatte ich einen traurigen Tag. Bei allem, was mich an dich erinnerte, musste ich weinen.
Also dauernd.


12.03.20..

Wie kann es sein, fragte ich mich, dass ich mich hängen lasse und um dich trauere, obwohl hier diese beiden tollen Kinder sind, die mich brauchen?
Mir ging es danach etwas besser, vielleicht wieder ein Schrittchen nach vorne.
In der Nacht darauf träumte ich, du hättest dich von mir getrennt. War das nun dieser Traum, den viele Verwitwete träumen und vor dem ich Angst hatte?

15.03.20..

Gestern fragte C., wie es mir geht – und fast fing ich wieder an zu weinen. Obwohl ich bis dahin geglaubt habe, dass es mir gut geht! Sogar habe ich heute morgen gedacht, dass mir der Gedanke, die Eheringe einmal nicht mehr zu tragen, nicht mehr so schwer fällt wie früher.
Und nun sitze ich hier und weine und weine...

26.03.20..

Am Samstag wurde Onkel H. beerdigt. Ich war nicht da. Schon wieder eine Beerdigung...
Wieder ein Mensch, der einfach weg ist. Da könnte man sich schon fragen, was das Ganze soll...

31.03.20...

Gestern abend in der Trauergruppe habe ich unser Leben ohne dich wohl recht positiv geschildert.
Frage des Leiters: „Vermissen Sie ihn?“ Verblüffung meinerseits. Schließlich sage ich: „Das ist ein Kompliment für meinen Mann. Ich brauche ihn nicht zum zurechtkommen, sondern für mich.“
L. geht es ähnlich, glaube ich.

02.04.20..

Gestern war ich in der Selbsthilfegruppe. Das vierte Mal – und es wird von Mal zu Mal interessanter. Ein Thema war: Braucht man/brauchen die Kinder auf jeden Fall therapeutische Hilfe?...Ich selber habe nicht das Bedürfnis nach einem Therapeuten.
Freitags-Trauergruppe: nach dem vergangenen Freitag habe ich mich gefragt, ob ich da nochmal hingehen soll. Die Frage „Vermissen Sie ihn?“ hat mich ziemlich gekränkt. Ich frage mich, warum ich eigentlich dort hin gehe. Ich glaube, ich möchte sicher sein, nichts zu unterdrücken und verdrängen....

Karsamstag

In diesem Jahr erlebe ich Ostern intensiver als früher. Am Donnerstag habe ich L. Aus „Meine allererste Bibel“ die Geschichte von Jesus´ letztem Abendmahl vorgelesen. Sie hat gemeint, als ich ihr die Bedeutung des Karfreitags erklärte, das sei ja dann auch ein Tag für den Papi, der ja auch gestorben ist – wie Jesus. Ich sagte ihr, dass deshalb Ostern auch ein Fest für dich ist, weil wir dann feiern, dass Jesus in den Himmel gekommen ist.

19.04.20..

...Ich dachte, diejenigen, die nicht an ein Leben nach dem Tod glauben, hielten die Menschheit für den Nabel der Welt und des Weltalls. Ihnen fehle es an Phantasie.
Aber kann man das mir nicht auch vorwerfen? Wieso glaube ich, dass es weitergeht? Denn dann halte ich mich ja auch für den Nabel der Welt, wenn ich mir nicht vorstellen kann, dass nach unserem Tod einfach gar nichts mehr kommt.Vielleicht sind wir doch nur Leben, das einfach vergeht...

Es ist übertrieben warm für April. Alle reden von Klimakatastrophe, sogar die, die das früher alles als Spinnerei abgetan haben. Dieser Sch...bleibt dir erspart.

21.04.20..

...Ob mein Handy kaputt ist? Wieder ein technisches Gerät, das ich ohne dich anschaffen muss?...
Ich habe weder deine Handynummer noch deine E-Mail-Adresse gelöscht und manchmal hätte ich gute Lust, dir eine Mail zu schreiben...
M. hat den Gedanken, dass du im Himmel bist, verinnerlicht. Jedes Mal, wenn er einen Kondensstreifen am Himmel sieht, ruft er: „Hallo, Papi!“


28.04.20..

Ein Trauerseminar mit Kinderbetreuung. Ich hatte Gelegenheit, mich kurz alleine nach draußen in den Schatten zu setzen. Ich habe in den Himmel geschaut. Wann habe ich das zuletzt ungestört gemacht?? Schließlich habe ich sogar eine Yoga-Übung gemacht, habe mich auf dem Boden verdreht. Nun ja, plötzlich kamen Kinder vorbei und schauten ein bisschen komisch.
Auf dem Weg zur komischen Alten. Das ist ein möglicher Weg...
Viel geweint wird an diesem Wochenende. Nicht von mir, sondern vor allem von den anderen Frauen. Ich habe mich gefragt, ob ich so ein Trauerseminar noch brauche. Immer neue Geschichten, immer neue Leute. Ich hatte in diesen 11 Monaten so viel Gelegenheit, mich mit anderen Betroffenen auszutauschen – ich glaube, es ist so langsam okay.


18.05.20..

Gestern sind wir zu P. und K. gefahren. Meine erste so weite Autofahrt alleine mit den Kindern.

26.05.20...

Erster Todestag. Ich höre die Lieder, die auf der Trauerfeier gespielt wurden.
„Deck mich mit deinen Flügeln zu/und lass mich eine Weile ruh´n/ der Weg war weit/der Weg war weit“ Marius Müller-Westernhagen.

28.05.20..

Wenn ich sagen wollte, welcher Tag schlechter, war, dein Todestag oder dieser hier, sagte ich: „dieser“. Lag es daran, dass C. und ich im Keller waren, um den Sperrmüll vorzubereiten? Nach dem Mittagessen ist C. wieder gefahren. Ich fiel in ein Loch, war sehr müde. Die Kinder wollten raus, aber ich habe „nein“ gesagt. Trostloses Wetter, mir war kalt. So haben wir die Zeit bis zum Abendessen irgendwie herumgebracht. Der Tiefpunkt kam, als mir die Tasse, die du mir aus San Francisco mitgebracht hast, herunterfiel und kaputt ging...

11.06.20..

Schon wieder verschwindet etwas aus unserer gemeinsamen Zeit: die Kinder haben das Papphäuschen, das ich aus dem Karton unserer Küchenstühle gebastelt hatte, endgültig geschrittet...

30.06.20..

M´s zweiter Geburtstag und die Feier heute. Ich bin traurig. Keinen einzigen Geburtstag konnten wir zusammen feiern. Manchmal denke ich, wie schön wir es jetzt haben könnten, wo die beiden nicht mehr die irre Arbeit machen, wir um 20 Uhr frei haben könnten für uns....

17.07.20..

Mit L. und M. habe ich mit Fingerfarben gemalt. Es war eine Riesen-Matscherei. Vorher hatte ich die Eheringe abgezogen. Der Moment kam nun früher als erwartet. Ich habe sehr geweint beim Lesen der Inschriften. Und ich dachte: „Du kannst sie ja wieder anziehen.“
Aber heute abend weiß ich, dass ich das nicht tun werde...

24.07.20..

„Was nicht zum Leben taugt, taugt immer noch zum Schreiben.“
Ein Zitat von Monika Maron aus einem „Spiegel“-Interview diese Woche.

27.07.20...

Heute ein Tag zum „In-die-Tonne-treten“: Migräneanfall, wie ich ihn seit Jahren nicht mehr gehabt habe. Allein mit zwei Kindern, toll.Düstere Gedanken inklusive.
Die Kinder waren wunderbar, dank „Petterson und Findus“-DVD.

03.08.20..

Wenn ich L. gegenüber unwirsch bin, frage ich mich oft, ob ich genau so furienmäßig drauf wäre, wenn du noch leben würdest. Oder könnte ich gelassener mit ihren Zicken und Launen umgehen?

09.08.20..

Der Steinmetz zeigt mir eine durchsichtige Tüte, in der Metallbuchstaben und -zahlen für den Grabstein durcheinander liegen. Ich sehe ein C, ein R, ein H, eine 2, eine 6. Das ist von dir übrig geblieben: eine Anzahl Buchstaben und Zahlen...
Habe heute, bestimmt zum ersten Mal im Leben, die „Bunte“ gekauft, wegen eines Interviews mit Dagmar Berghoff. Ihr Mann ist 2001 gestorben. Nach vier Jahren hatte sie sich von ihrer Trauer so weit erholt...

23.08.20..

Wenn ich weine, sagt L. dazu gar nichts. Und das hört sich an wie: „Ach je, schon wieder.“
M. sagt ganz wissend: „Papi, okay?“

09.09.20..

L. habe ich neulich gefragt, ob sie an ihrem Geburtstag immer noch ein Hexenfest feiern will.
Nein, sie will ein Himmelsfest feiern. „Das geht nicht“, ist meine spontane Reaktion. „Himmelsfeste sind nur für Leute, die gestorben sind.“
„Aber wir können doch spielen, dass meine Puppe gestorben ist“, sagt Lisa und lacht bei dieser Vorstellung.

08.10.20..

Meine „Nachdenk-Sätze“, die ich im Laufe der Zeit zu hören bekommen habe:
„Die Seele ist verletzt, man muss ihr Gutes tun.“
„Es muss etwas bedeuten, dass du lebst und nicht dein Mann.“
„Überlegen Sie, wie viel Kraft es Ihren Mann gekostet haben muss, Sie und die Kinder zurückzulassen.“

18.11.20..

Nun ist auch unser „Wellness-Wochenende“ vorbei, das C. und ich anlässlich unseres 40. Geburtstags schon vor Jahren für dieses Jahr beschlossen hatten. Hotel mit Beautyfarm, Schwimmbad, Sauna. Ich hätte gerne mal so ein Wochenende mit dir verbracht. Ich frage mich, ob du dich in die Beautyfarm getraut hättest...

10.12.20..

Abends: nach wie vor fertig. Ich schalte immer noch zu viel den Fernseher ein...

24.12.20..

Wir waren im Familiengottesdienst. War es das erste Mal, dass ich ohne Groll in der Kirche war?
verena08
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Re: Tagebuch

Beitrag von verena08 »

16.11.20..

In meinem Kummer heute morgen kam mir der tröstliche Gedanke, dass wir uns wiedersehen werden. Nicht die Frage, ob wir uns wiedersehen - sondern die Feststellung, dass....Heißt es nicht immer, man sieht im Moment des Sterbens seine liebsten Menschen wieder? Von daher freue ich mich darauf. Damit habe ich wohl den meisten Menschen etwas voraus.
Aber in meinen guten Augenblicken hoffe ich, dass dieser Moment noch sehr, sehr lange auf sich warten lässt. Denn hier sind diese tollen Kinder, die für das Leben vorbereitet werden müssen...

22.11.20...

Letzte Nacht habe ich geträumt, du würdest mir beim Packen helfen. Beim Aufwachen war ich geradezu heiter!

27.11.20..

Wenn ich beim Packen sehe, wie viele Dinge ich von dir nun doch mit umziehe, denke ich, ich habe dich nicht losgelassen. Aber nach einem halben Jahr muss ich das auch noch nicht, oder?

02.12.20..

...Ich bin so traurig. Ich will dies alles eigentlich gar nicht: Umzug, Farben aussuchen, überlegen, wohin die Möbel gehören...Ich bin trairige, weil mein Vater am Telefon zu jemandem sagte, es gehe langsam wieder aufwärts. Und ich dachte:"Das stimmt doch gar nicht!" Ich bin traurig, dass wir die Wohnung ohne dich renovieren müssen. Und ich bin so traurig darüber, dass ich deinen Schreibtisch nicht unterbringe.Er muss wohl in den Keller...

13.12.20..

Lauter "zum letzten Mal": zum letzten Mal bin ich einfach so zu S. in die Wohnung geschlappt...zum letzten Mal habe ich die Wohnungstür hinter mir zugezogen...Frau R. hat mir zum Abschied "ermutigend" mit auf den Weg gegeben, dass es wieder besser wird- aber alles nur noch mit halber Fahrt. Wobei: ich ahne das längst. "Aber", meinte sie, "Sie sind ja noch jung..."

24.12.20..

Ich habe vier Kerzen für dich am Weihnachtsbaum angezündet...Den Baum haben wir gestern zu dritt geschmückt. L.hat alles in den Baum gehängt, was die Weihnachtskiste hergab...

30.12.20..

Im Traum setzt du dich neben mich. "Du bist ja gar nicht tot", sage ich und bin glücklich. Du grinst, sagst gar nichts. "Ja klar", denke ich. "Er ist ja auch krank." ich bin glücklich, auf ruhige Art.
Dann kam das Erstaunliche: ich wachte auf, wusste sofort, es war ein Traum - und stürzte nicht in ein Loch. Im Gegenteil: der Traum trug mich durch den Tag. "Du bist nicht tot!" jubelte es in mir...

01.01.20..

Das Jahr, in dem du gestorben bist, ist vorbei - mehr ist nicht passiert. Endlich gibt es auch keine Jahresrückblicke mehr. Dein Tod steht breit, unübersehbar im letzten Jahr - was kann es sonst Wichtiges gegeben haben, möchte ich die Leute anschreien.
Wir haben einen Familienplaner aufgehängt - ohne eine Spalte für dich. Nun hängt er im Flur mit seinen heiteren Bildchen und schreit mir zu: "Da fehlt doch einer!"...
verena08
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Re: Tagebuch

Beitrag von verena08 »

22.09.20..

Gerade kann ich unsere Schicksal wieder einigermaßen gut annehmen. Vielleicht, weil ich in dem Buch von E. Kübler-Ross gelesen habe. Sie schreibt über das Leben nachdem Tod, als sei es die größte Selbstverständlichkeit der Welt...

28.09.20..

...Ich weiß, dass du alles, was ich bisher gemacht habe, gut findest...

03.10.20...

Zufällig hörte ich den Ansagetext auf dem AB - und war schockiert. Ich hörte die Stimme einer glücklichen Frau. Nie wieder werde ich eine Ansage mit soviel Fröhlichkeit in der Stimme machen können...

10.10.20...

Am Freitag war jemand hier und hat uns einen kleinen Kuchen sowie drei Röschen mitgebracht - für jeden von uns eine. L. weinte und sagte, du müsstest auch eine Rose haben, sonst seiest du traurig. Ich versprach ihr, eine für dich zu kaufen. So eine hellrote Rose gab es aber nicht, dafür hast du jetzt eine Sonnenblume. Das passt besser zu dir.

19.10.20..

Ich habe zwei Stunden den Kleiderschrank ausgeräumt...Ich fand es nicht schlimmer als den Kontoauszug, den ich gerade aus dem Briefkasten geholt habe und auf dem nur noch mein Name steht statt unsere beiden.

22.10.20..

Wenn ich nur einmal sehen könnte, dass es dir gut geht, dass es dich gibt - würde ich dann mien Leben hier auf der Erde wieder in die Hand nehmen? Würde die Milchglasscheibe zwischen mir und der Welt verschwinden und würde ich mich wieder an etwas freuen?

30.10.20..

Das Wochenende war okay, wie erstaunlicherweise alle Wochenenden. Ich muss immer an deine Antwort auf die Frage, wie wir unsere Zeit verbringen, denken: "Wir stehen auf - und plötzlich ist der Tag vorbei."

01.11.20..

Ein anstrengender, trauriger Tag. H. und A. waren da, wir haben den Keller ausgeräumt.Ich dachte, das würde nicht so schlimm sein, aber in diesem Keller warst ganz und gar du: Elektosachen, Tüfteleien, Holz...
Ich habe deine Skier weggeworfen. Als wäre ein Stück von dir weggeworfen worden. Diesen Keller zu entrümpeln war schwerer, als deine Kleidung zu entsorgen. Was sind schon Klamotten? Ich habe mir immer wieder gesagt, es sind nur Dinge. Aber in den Dingen lebst du irgendwie...dein ganzer "Kruscht" hatte so etwas Liebenswertes...

11.11.20..

Meine Mutter sagte heute, ich habe das bessere Schicksal von uns beiden erwischt...Natürlich: ich sehe die Kinder aufwachsen- aber ich muss sie auch alleine erziehen. Und wenn ich müde und erschöpft bin wie zur Zeit, hadere ich damit. Ich ertappe mich bei dem Gedanken, dass DU Kinder wolltest - und nun bin ich alleine mit ihnen. Und dann weiss ich andrerseits, wie ungeheuer schwer dir der Gedanke gefallen sein muss, die Kinder und mich hier alleine zurückzulassen.
verena08
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Re: Tagebuch

Beitrag von verena08 »

08.09.20..
...wenn die Kinder älter sind, wird es keine Erinnerung mehr mit dir und den Kindern in diesem Alter geben...
Vielleicht muss ich mir ein Mantra aufsagen: "Ich kann weinen, soviel ich will, er kommt nicht zurück."

11.09.20..
Ich habe einen Mietvertrag für eine Wohnung in D. unterschrieben...Ich habe noch ungewöhnlich viele Schmetterlinge gesehen heute und nehme sie als Zeichen dafür, dass du in Ordnung findest, was ich mache...

15.09.20..
Mit der Arbeit hier komme ich nicht nach. Ständig sind wieder irgendwelche Anfragen in der Post, muss ich wieder zum Copy-Shop rennen, zur Post und was weiß ich. Jetzt schreibe ich auch noch Kündigungen: der Garten, der Kindergarten, die Wohnung.

18.09.20..
Morgen findet eine Altkleidersammlung statt. Ich habe deine Schuhe "auserkoren". Nie habe ich gewusst, dass du so viele scharze Schuhe hast. Und Frauen haben angeblich einen Schuh-Tick...
Es erleichtert mir das Wegwerfen, wenn ich zu deinen Sachen auch ein paar Sachen von mir dazu tue.
verena08
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Re: Tagebuch

Beitrag von verena08 »

07.08.20..
Die Sonne bescheint die vertrockneten Pflanzen auf dem Balkon. Wie tut es mir gut, zu sehen, dass sie auch tot sind...Das was zäh weiter wächst, wird nicht gepflegt. Soll es doch auch sterben!...

10.08.20..
S. hat mir gestern ein paar Storys erzählt von den Seelen, die weiterleben und von einer Arbeitskollegin, die mit ihnen Kontakt aufnehmen kann. Ich fand´s letztendlich unheimlich und würde sowas auch nie in Anspruch nehmen. Vielleicht willst du lieber in Ruhe gelassen werden? Vielleicht ist auch alles nur Unsinn? Und wenn nicht: hat man denn niemals Ruhe? Oder ist dort, wo du bist, Ruhe und Frieden?
Jedenfalls habe ich mir heute Bücher gekauft. Nachdem ich lange nur solche zur Trauerbewältigung und Erfahrungsberichte gelesen habe, habe ich nun ein Buch von Elisabeth Kübler-Ross gekauft, in dem es um das Leben nach dem Tod geht. Außoerdem eins über Engel. Aus der Religionsecke, nicht der esoterischen Abteilung. Ich habe genau gesehen, wie du mich ausgelacht hat, als ich mir die Bücher anschaute. Aber ich musste selber lachen: es ist so absurd...

17.08.20..
C.S. Lewis glaubt, dass auch der Tote den Trennungsschmerz spürt, d. h. der Verlust ist für alle Liebespaare ein unerlässlicher Teil der Liebeserfahrung. In seinem Buch "Über die Trauer" vergleicht er die Trennung mit einer Beinamputation: "Zur Zeit lerne ich, mich mit Krücken fortzubewegen. Vielleicht bekomme ich bald ein Holzbein. Aber ein Zweibeiner werde ich nie mehr."
Er erinnert sich an alle möglichen Balladen und Volksmärchen "worin die Toten uns mitteilen,dass unser Trauern ihnen irgendein Leid antut. Sie flehen uns an, es sein zu lassen."

Eine Stelle, bei der ich sogar grinsen musste:
"Ich will mich ihr sooft wie möglich in froher Stimmung zuwenden. Ich will sie sogar mit meinem Lachen grüßen. Je weniger ich um sie trauere, desto näher fühle ich mich ihr. Ein bewunderungswürdiges Programm. Nur leider nicht durchführbar."

21.08.20..
M. lag auf dem Boden vor dem Kinderzimmer und weinte. Obwohl die Badezimmertür offen stand, kam er nicht herein. "Aber ich bin doch hier!", rief ich immer wieder, doch er weinte nur und fand keinen Weg zu mir.
Ob das mit uns genau so ist? Du rufst "Ich bin doch hier!", aber ich höre dich vor lauter Weinen nicht...

22.08.20..
Ich muss dir schreiben, um das Gefühl zu haben, dir nahe zu sein. Ob das bedeutet, nicht loslassen zu können?...

05.09...
Ich bin jetzt bei meinen Eltern...Hier wird nie über dich gesprochen...
verena08
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Re: Tagebuch

Beitrag von verena08 »

12.07.20 ..
...Bestimmt war da so eine Mischung in dir aus Angst und Hoffnung. Hat dir diese dämliche Ärztin im Januar nicht gesagt, es sei alles in Ordnung?

17.07.20..
Heute habe ich die Grabstätte gekauft. Am Donnerstag wird die Urne dort beigesetzt...

Hättest du den Tumor nicht bekommen, wenn es weniger Streß gegeben hätte?
Ich muss an die Sage denken von dem Jungen, dem geweissagt wurde, er werde seinen Vater töten und seine Mutter heiraten. Er versuchte alles, um dieser Weissagung zu entgehen - zum Schluss bewahrheitete sie sich doch.
Und so denke ich: egal, an welcher Weggabelung du dich oder wir uns anders entschieden hätten - der Tumor wäre gekommen...

20.07.20..
Heute, endlich, die Bestattung. Ich bin froh, dass alles vorbei ist.
P. und S. haben mir ihre Träume erzählt. P. hat dich gefragt, wie es dir geht. "Hmhm",sagtest du in deiner typischen, schmunzelnden Art. "Und wie ist denn nun das Sterben?" fragte sie, weil du ihr ja vor deinem Krankenhausaufenthlt erzählt hattest, du hättest dich immer mal wieder mit Tod und Sterben beschäftigt. Deine Antwort: "Gaaaanz schön."
Daraufhin ist P. aufgewacht und es war so real, als habe es gar keinen Traum gegeben...
S. hat geträumt, ihr träfet euch in einem Raum und du sagtest, du müsstest noch mit mir zusammen die Finanzen klären, damit ich versorgt sei. Aber dann würdest du nicht mehr zurückkehren.

22.07.20..
Gestern wollte ich den Kinderwagen zusammenklappen, um zu C. zu fahren. Lisa stand daneben und sah, dass es nicht funktionierte. Da rief sie doch tatsächlich: "Papi, komm und hilf der Mami!" Prompt ließ sich dieser doofe Kinderwagen zusammenklappen. Eine Lektion in praktischem Glauben.

24.07.20..
Heute nacht musste ich mich übergeben.
In einem Anflug von Galgenhumor dachte ich:jetzt kommt alles raus, was mich in den letzten Monaten angekotzt hat...

28.07.20..
Ich habe Angst vor den länger werdenden Abenden:du kommst nicht nach Hause. Aber so ist es nun mal: Familie - das bin nun ich mit den Kindern. Und ich WILL es ihnen schön machen...

30.07.20..
L. war mit A. spazieren. Sie hat ihr erzählt, dass du ein Schutzengel bist. "Auf wen passt der Papa denn auf?" "Na, auf uns!"
Und dann sagte sie noch, dass sie dir immer alles erzählt...
verena08
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Re: Tagebuch

Beitrag von verena08 »

28.06.20...
Hinter den Hausdächern erschien neulich der perfekte Regenbogen.
Inzwischen habe ich gelesen, dass religionsgeschichtlich gesehen der Regenbogen die unterschiedlichen Sphären der Welt verbindet: das Unten und Oben, das Sichtbare und Unsichtbare. "Iris, die griechische Götterbotin, geleitet die Verstorbenen über den Regenbogen in die jenseitige Welt." Das habe ich in "Meine Trauer wird dich finden" von Roland Kachler gelesen.


29.06.20...
Morgen fahre ich mit den Kindern an den Bodensee. Per Zug. Bin gespannt, besonders, wie M. das aushält...

Habe von dir geträumt. Du lebstest nach der OP weiter, aber emotional kalt. Ich hatte Angst. Vor dir? Im wesentlichen hast du geschlafen, wolltest mich nicht sehen. Es war grauenhaft.

Habe das Buch "Ich weiß doch gar nicht, wie sterben geht" von Johannes Roth gelesen. Es war mir zufällig(?) in der Stadtbücherei in die Hände gefallen. Ein Mann begleitet seine Frau, die den gleichen Tumor mit dem gleichen Schweregrad hatte, zwei Jahre lang. Der Tumor wurde allerdings schnell entdeckt (nachdem ein Hausarzt sie nicht ernst nahm, schickte sie sich selber zum CT). Der Mann schildert den Krankheitsverlauf recht genau, und das war gut so: ich erfuhr, was alles auf uns zu gekommen wäre...Die Kinder hätten das Bild des verfallenden Papas gehabt. Und ich: hätte ich es überhaupt ausgehalten?...Ich glaube, ich wäre seelisch und körperlich zum Ende gekommen. Und wer hätte sich dann um dich und die Kinder kümmern sollen?...Es heißt nicht, dass ich nicht jeden Tag weine. Aber diese Gedanken sind ein weiteres Stück in Richtung vorwärts.


02.07.20...
Wir sind zurück vom Bodensee. C., die Liebe, hatte uns für das Wochenende eingeladen.
Bist du stolz auf uns? Wir haben es geschafft: zweimal diese lange Zugfahrt. Die Kinder waren toll.Ich hatte zunächst Angst vor meiner eigenen Courage - aber es ging alles gut.

04.07.20..
M. hat heute seinen allerersten Schritt alleine gemacht. Ich habe ihm gesagt, dass sein Papa sehr stolz auf ihn ist.

Gestern war ich bei einer Trauerbegleiterin. Es war ein "gutes" Gespräch. Ich konnte noch einmal viel reden und weinen. Ein Gedanke war mir neu: Frau D. meinte, du hättest Kraft gebraucht, um das Leben und uns loszulassen. Darüber habe ich noch gar nicht nachgedacht. Ich wüsste gerne, was du gedacht hast, wenn du über den Tod nachgedacht hast, vor der OP. Es ist schade, dass du mit mir darüber nicht sprechen konntest. Ich hätte abgewiegelt, bestimmt.

05.07.20..
Ich habe "unser" Bild aufgehängt. Es ist unseres, obwohl du es nicht gekannt hast...Dieser Blick aus einem Fenster auf einen von der Abendsonne beschienenen See. In meiner Vorstellung ist dies der Ort, an dem du sitzt und auch mich wartest - oder von dem aus du mir zuschaust.

07.07.20..
Heute nacht habe ich wieder von dir geträumt. .Diesmal waren wir vor der OP. Du hattest ständig Kopfschmerzen. Ich wollte dich als Notfall ins Krankenhaus einliefern lassen. Die ganze Situation war unheimlich. Ich denke, ich verarbeite gerade. Als unsere Situation real war, war mir nicht unheimlich zumute... Als wir die Diagnose bekamen, fanden wir die Situation irreal, aber nicht unheimlich. Der Traum hat mich nicht aufgeregt. Ich habe nur gedacht, offenbar ist es noch nicht soweit, dass ich schöne Sachen von dir träumen kann.
M. hat mir einen Buchtipp hinsichtlich Krankheitssymptome und Familie gegeben. Ich könnte ja sagen, dass es egal ist, woher dein Tumor kam...Aber es ist nicht egal, weil wir zwei Kinder haben...
Die Trauerbegleiterin hat mir zur Familienaufstellung geraten, nachdem ich ihr von der verwickelten Nicht-Beziehung zu deiner Mutter erzählt habe. Auch M. meinte, sowas sei vielleicht ganz gut, um mal einen anderen Standpunkt mitzubekommen.

In deinem Rucksack fand ich einen Streifen Aspirin-Tabletten. Du hattest dort das Verfallsdatum notiert. Ich musste weinen: du warst so super-vorsichtig und gewissenhaft. Es hat dir nichts genützt.

09.07.20..
Vielleicht stimmt es, was deine Schwester sagt: du hast so viel gelebt, dafür brauchen andere Jahre.
verena08
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Re: Tagebuch

Beitrag von verena08 »

19.06.20..

Am Wochenende war H. mit seiner Familie da. L. liebt diesen Rummel und auch M. scheint ihm nicht abgeneigt zu sein...
Wir waren bei B. und P. im Garten. Die beiden sind toll. Ich bin jede Sekunde des Tages traurig, aber bei ihnen fühlt es sich milder an...Wir hatten ein schönes Wochenende. An solchen Tagen denke ich, ich schaffe es...Schaffe es..., zu einer ruhigen Ausgeglichenheit zu kommen und Kraft für den Alltag und seine blöden Schwierigkeiten zu haben.

21.06.20..

D. ist gestern abend gefahren. Jetzt beginnen wieder die Tage zu dritt. Ich habe festgestellt, dass alles irgendwann anstrengend wird: Tage mit Besuch und Tage ohne... Bald bist du einen Monat tot und ich frage mich, wann ich das ganz erfassen werde...Vorgestern habe ich deinen Schreibtisch im Büro ausgeräumt. Eine schwere Aufgabe. Meine Beherrschung war vorbei, als ich deinen Namen auf dem Nachruf las, der am schwarzen Brett hängt.
Frau A. sprach kurz mit mir. Sie ist überzeugt davon, dass die Lebenden mit den Toten in Verbindung bleiben...

22.06.20..

Manchmal denke ich, ich werde eine gute Art finden, mit dir in meinem Herzen zu leben. Aber dann müsste endlich mal dieser Zirkus hier aufhören: Formulare, Telefonate wegen der Bestattung in D., Rechtsanwaltsbesuche wegen der Hinterbliebenenversorgung...
Gestern war der längste Tag des Jahres. Ich habe schon Angst vor dem Herbst.

23.06.20..

"Was ist, Mama?" fragt L. und ich sage, ich sei traurig, weil du nicht da bist. "Aber er ist doch da", sagt unsere Kleine...

M´s erster Geburtstag und du warst nicht bei uns. Zumindest nicht körperlich.

27.06.20...

Kein guter Morgen. Ich bin aufgewacht mit diesem kalten Gefühl hinter dem Brustbein. Du bist nicht da, nicht da, nicht da...
verena08
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Re: Tagebuch

Beitrag von verena08 »

15.06.20...

L. hat mich gefragt, warum ihr Papi sterben musste. Tja: das ist die Frage, die niemand beantwortenkann. Das habe ich ihr erklärt, aber auch die medizinische Seite erwähnt. Und ich habe geweint, als ich ihr sagte, dass du, wenn du uns jetzt siehst, bestimmt traurig bist, nicht bei uns sein zu können, hier, auf der Erde.

Gestern haben meine Mutter und ich die Betten abgezogen...Ich musste weinen und fragte, ob ich jetzt nur noch ein Bett beziehen soll...aber nein, die Kinder können ja bei mir schlafen. Es ist nun eben kein Ehebett mehr, sondern ein Familienbett...

16.06.20...

Vor einem Monat hattest du Geburtstag. O Gott, ich war so zuversichtlich! Ich habe mich auf der ganzen Linie geirrt...
Was für eine Ironie: ich habe immer mit Wahrscheinlichkeiten gerechnet. Wenn du mal von Krankheit oder Tod gesprochen hast: "Na ja, die Wahrscheinlichkeit ist relativ gering..." Diesen Satz sollte ich endgültig aus meinem Wortschatz streichen, oder?...
Ich frage mich immer wieder, wieviel du gekämpft und gelitten hast. Wieviel habe ich nicht bemerkt... Egal was andere sagen: in Momenten wie diesen mache ich mir solche Vorwürfe!

L. geht gerne in den Garten. Ich mag ihn nicht mehr - ich muss immer daran denken, mit wieviel Vorfreude wir ihn gepachtet hatten...L. pflückte einen Blumenstrauß für dich...Auf dem Heimweg sagte sie die ganze Zeit: "Mein Papi denkt an mich."...
Weißt du, was mich erschreckt? Ich habe wahrscheinlich noch eine Menge Leben vor mir - mehr, als ich mit dir verbringen durfte.
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