Muß ich Schuldgefühle haben?

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ellimic
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Muß ich Schuldgefühle haben?

Beitrag von ellimic » So 20. Okt 2019, 11:03

Muss ich Schuldgefühle haben?
Viele von uns haben nach dem Tod des geliebten Menschen Schuldgefühle. Zu unserem überwältigenden Kummer, den Existenzsorgen, der Mutlosigkeit gesellt sich dann auch noch das Gefühl, nicht genügend getan zu haben, um den Tod aufzuhalten.
„Hätte ich früher etwas merken müssen? – Warum habe ich ihn nicht früher zum Arzt geschickt?“
„Warum bin ich nur aus dem Zimmer gegangen? Er musste ohne mich sterben“
„Warum habe ich sie nicht aufgehalten? Wäre sie zwei Minuten später aus dem Haus gegangen, wäre der Unfall nicht passiert.“
Jeder Außenstehende sagt natürlich, dass wir keine Schuldgefühle haben müssen, dass uns keine Schuld trifft usw. Unser Verstand sagt uns dies auch, aber unser Gefühl ist trotzdem ein anderes. Bis Verstand und Gefühl miteinander übereinstimmen, braucht es seine Zeit. Ein aufbauend gemeintes „Du trägst überhaupt keine Schuld, du konntest doch nichts machen“ hilft vielleicht in dem Moment, in dem es gesagt wird. Wenn wir dann aber allein sind, quälen wir uns doch wieder mit dem Gedankenkarussell herum. Es ist gut, wenn wir Zeit für uns allein haben, um unsere Gedanken ordnen zu können. Es hilft und tut in der ersten Zeit gut, die Situation für sich immer wieder durchzuspielen und zu analysieren. Oft finden sich auf die Fragen, die wir uns stellen, ganz einfache, einleuchtende und richtige Antworten. Warum HABE ich ihn denn nicht früher zum Arzt geschickt? – Weil er sich nicht schicken ließ, sondern meine Ängste mit einem Lachen abgetan hat. Hätte ich etwas merken müssen? – Nicht einmal die Ärzte haben die richtige Diagnose gestellt. Als medizinischer Laie konnte ich gar nichts merken. Warum bin ich denn aus dem Zimmer gegangen? - Weil ich ganz kurz einen Moment für mich brauchte, um nicht vor Erschöpfung zusammenzubrechen. Warum habe ich ihn nicht aufgehalten? – Weil er es eilig hatte und unser Kind nach mir gerufen hat.
Nein, wir sind es nicht schuld, dass er/sie sterben musste. Es gab Gründe dafür, warum wir genau so und nicht anders gehandelt haben. Wir haben das Beste gewollt und vieles versucht, um es für unsere liebsten Menschen so angenehm wie möglich zu machen. In diesem Bewusstsein sind sie gestorben: „Ich werde geliebt, ich bin nicht allein“.
Wir haben also allen Grund, uns selber zu verzeihen (Außenstehende würden hier sagen: „Da gibt es nichts zu verzeihen“), wenn trotz allem immer noch ein gemeiner bohrender Zweifel an uns nagt wie ein kleiner, immerwährender Schmerz. Wir konnten nicht mehr tun, das Schicksal ist seine Wege gegangen. Wir sind ihm hilflos ausgeliefert und machen diese Erfahrung vielleicht zum ersten Mal. Hilflos ausgeliefert zu sein – das kann doch nicht wahr sein! Man kann doch immer etwas tun! So jedenfalls lernen wir es heutzutage von klein auf. Deshalb ist vielleicht der Gedanke „Ich hätte noch etwas tun können“ erträglicher als der Gedanke dieser absoluten Machtlosigkeit im Angesicht des Todes. Doch, gegenüber dem Tod sind wir es. Das ist schrecklich – aber es kann auch entlastend sein. Eben genau dann, wenn wir von Schuldgefühlen belastet sind.
Ein weiteres Schuldgefühl gibt es: wir leben – während unser geliebter Mensch sterben musste. „Du hast das bessere Ende erwischt“, sagte jemand zu mir nach dem Tod meines Mannes. Es fühlte sich nicht so an – ganz und gar nicht. Vielleicht sollte es sich auch nicht so anfühlen. Vielleicht musste ich erst einmal die „Schuld“ überwinden, „das bessere Ende erwischt“ zu haben. Ich musste wieder neu lernen, mich am Leben zu freuen, mir bewusst machen, dass mein Mann mir die Lebensfreude von Herzen gönnen würde, sie vielleicht sogar von mir einfordern würde.
Gönnt euch die Zeit, die ihr braucht, um die Schuldgefühle zu analysieren und letztendlich zu überwinden!

Ellen

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